Interview in Sigill Ausgabe Nr. 19 Herbst 1999

Weltenesche Eschenwelten - Interview mit Voenix

Es ist spät geworden und das Buch phantastisch. In Ordnung, die Bilder könnten bunt sein, doch auch ich habe kein Geld um Sigill in Farbe zu produzieren. “Weltenesche Eschenwelten” vom ARUN-Verlag ist ein Buch, was man in den Händen halten muß um zu begreifen, warum es wichtig und gut ist. Noch nie ist das germanische Götterpantheon, und noch nie ist die nordische Mythologie so umfassend dargestellt und illustriert worden wie in diesem Buch.

Maler und Autor: Voenix. Hier unser Interview, welches per Email geführt wurde.

Sigill: Voenix, ich möchte Dich bitten als erstes Dich unseren Lesern vorzustellen. Also ein paar wichtige biographische Daten, die schließlich zum Künstler Voenix führten.
Voenix: Ich bin 31 Jahre alt, wohnhaft in Rhein-Sieg-Kreis, in der Nähe von Köln und zeichne eigentlich seit ich denken kann. Meine Arbeitsweise ist ausschließlich Autodidakt, so daß ich an dieser Stelle kaum nennenswerte Daten aufführen kann. Vor einigen Jahren malte ich ein Bild mit den Titel "PHÖNIX". In der anschließenden Nacht wachte ich unvermittelt auf und dachte plötzlich mein Bett stände in Flammen. Ich sah wie sich ein riesiges Feuervogel aus meinen Bett aufschwang und notierte dieses Ereignis in meinem Traumtagebuch. Einige Monate später lernte ich den Autor Akron kennen, der meinte, daß mein Nachname (Vömel) nicht gerade viel als Pseudonym hermachen würde. So gab er mir den Namen Voenix, mit dem ich zuerst wenig anfangen konnte. Solange bis ich mal wieder in mein Tagebuch schaute ......Da verstand ich den Traum.

Sigill: Welche Bücher hast Du bereits illustriert, welche selbst herausgebracht?
Voenix: Von mir Illustriert wurden bisher Akrons Partnerschaftsastrologiebuch und sein Hauptwerk Dantes-Inferno. Das zweite Buch setze ich nebenbei auch als Comic um. Der erste von 8 Bänden ist bereits unter den Namen: Dantes Inferno: Die Fische-Vorhölle, "Das Tor zur Ewigkeit" bei Edis erschienen.
In Eigenproduktion liegt von mir seit 3 Jahren “Magie der Runen" vor, eine Kartenorakel, bestehend aus Buch und 25 gemalten Karten, das bei Urania erschienen ist.

Sigill: Wie betrachtest du diese Arbeiten rückwirkend? Bist Du zufrieden, oder gehörst Du der Art Künstler an, die Ihre vergangenen Arbeiten schon kurze Zeit darauf sehr kritisch befrachten?
Voenix: Selbstkritischen Betrachten gehört zweifelsohne mit zu meinen wesentlichsten Eigenschaften und es kommt zuweilen schon vor, daß ich mich bei älteren Bilder frage, warum ich das ein oder andere nicht vorher gesehen oder besser gemacht habe. Ich glaube die einzige Möglichkeit, sich mit seinem inneren Perfektionszwang anzufreunden, ist jene, sich zu vergegenwärtigen, daß man zu jenem Zeitpunkt sein Bestes gegeben hat.....und mehr einfach nicht möglich war. Man ist ja in einem ständigen Lernprozeß begriffen und es würde wohl wenig Sinn machen. Vergangenes abzuwerten oder sich dessen zu schämen, sind es doch alles Entwicklungsschritte, die einen dorthin gebracht haben wo man sich gerade befindet.

Sigill: Ein neues Buch namens "Weltenesche - Eschenwelten, das germanische Götterorakel" ist soeben von Dir im ARUN-Verlag erschienen. Wann hast Du mit der Arbeit daran begonnen und in welchen Etappen verlief sie?
Voenix: Die Idee zu diesen Buch hatte ich im April '95. Ab da fing ich auch an mir die ersten Notizen zu machen.
Etappen erfolgten in soweit, daß ich neben den umfangreichen Recherchen ja auch künstlerisch tätig war. Zunächst war wichtig zu bestimmen, welche Gestalten in diesem Buch überhaupt ausführlich besprochen werden sollten. Als Grundwerk diente mir die Edda, eine Sammlung altnordischer Götter & Heldenlieder, aus deren Inhalten ich die meiner Ansicht nach wichtigsten Namen heraussuchte. Die Schwierigkeit lag darin, einerseits die Götter aufzuführen und zu beschreiben, gleichzeitig eine Vielzahl der verschiedensten Facetten anzubieten, um darüber hinaus ein in sich greifendes Orakelsystem zu entwerfen. Wie gut mir das gelungen ist, mag jeder Leser selbst beurteilen. Insgesamt hat die Arbeit ca. 4 Jahre in Anspruch genommen.

Sigill: Du hast für “Weltenesche” 81 Figuren der nordischen Mythologie gemalt, diesen dann verschiedenste Dinge zugeordnet, ihre Charakter herausgearbeitet und ihre Funktion in einem von Dir entwickelten Orakel erklärt. Wie hast Du Dich der Materie, also den einzelnen Göttern, mythischen Gestalten usw. angenähert? Es geht mir bei der Frage um Deine persönliche, spirituelle Herangehensweise, weniger um die Literaturbezpgene wissenschaftliche.
Voenix: Das ging in der Regel so vor sich. Wenn ich mich einer neuen Gestalt gewidmet habe, suchte ich in meiner vorhandenen Literatur zunächst alles Wissenswerte zusammen, um dieses sodann zu verdichten. Während dieses intensiven Prozesses tauchten dann oft schon die ersten inneren Bilder und Empfindungen auf, die ich dann in die Illustration und ein dazugehöriges Gedicht einfließen ließ. Während dieses Prozesses zog ich mich meist völlig zurück und versuchte diese "Schwingung" mit entsprechender Musik in mir noch zu verriefen. Das visionäre Erschauen ging soweit, daß manche Energien, sich richtig zu manifestieren schienen, was gelegentlich meine Freundin zu spüren bekam, wenn sie ins Zimmer trat und sich diese Energien durch entsprechende Reaktionen verselbstständigten. Oder um es in okkulter Terminologie auszudrücken, meine Arbeit war eine ständige Synthese des "rechten" mit dem "linken Pfad".

Sigill: Welche Rolle spielen all diese Götter und Gestalten in Deinem privaten Leben ?
Voenix: Wer jetzt denkt, ich würde ständig, quasi vor den schlafen gehen, die alten Götter beschwören, den muß ich leider enttäuschen. Doch hat sich meine Wahrnehmung für diese auftretenden Energien sehr wohl geschärft und es ist immer wieder interessant zu beobachten, wie wir Menschen uns dieser archetypischen Muster, unbewußt oder bewußt, ständig aufs neue bedienen.....oder bedienen sich die Götter vielleicht doch eher uns? Nichts desto trotz habe ich schon Anrufungen zu einigen Göttern vorgenommen, wie ich diese Vorgänge für mich interpretiere ist im Buch ebenfalls nachzulesen.
Es ging mir also schon um ein mögliches "hineinversetzten", soweit sich eben Möglichkeiten dafür boten. Ich erinnere mich bspw. daran, wie ich fast nackt und dreckig, mit einer Keule bewaffnet auf allen Vieren durch den Wald hetzte......um wenigsten einen kleinen Zipfel von der Energie damaliger Berserker nachempfinden zu können.

Sigill: Und welche Rolle kann man dem germanischen Heidentum und ihrer Mythologie heute, gesellschaftlich noch beimessen?
Voenix: Eine wohl eher geringere Rolle. Das allgemeine Desinteresse sehe ich zum einen in den unverständlichen Blicken meiner Mitmenschen, die mich nach dem Thema meiner Bücher befragen. Zum anderen in der Ablehnung meines Projektes bei den verschiedensten Verlagen, die meine Bemühungen mit so Sätzen wie: "Oh Gott, nicht schon wieder Wikinger!" abtaten. Tja und dann wäre da ja noch die rechte Szene, die sich der Thematik mal mehr oder weniger bedient und somit die Beschäftigung mit den eigenen Mythen, sagen wir, ...nicht gerade unbedingt positiv beeinflußt.

Sigill: Kannst Du die Aufgabe und den Sinn des Orakels etwas näher erläutern. Die Frage kommt deshalb, weil wir heutzutage in einer sehr rationalen Welt leben. Gerade deswegen bietet die seichte New-Age Industrie immer mehr Weisheiten für jene immer stärker wachsende Menschenmenge an, die einen Sinn im sinnentleerten Heute suchen, die ihr Leben wieder spiritueller gestalten wollen. Tarots, Runenorakel, fernöstliche Lebespiele, all das soll helfen. Was macht nun aber Dein Gölterorakel so besonders? Wodurch hebt es sich von all den anderen "Kartenspielen" ab?
Voenix : Der Orakel und Tarot-Markt boomt inzwischen mehr dann je, das stimmt. Was mir persönlich am Orakel gut gefällt, ist, daß Du selbst entscheiden kannst ob Du Dich darauf einläßt oder nicht. Du brauchst keinem Guru hinterherzurennen oder Unsummen bei irgendeiner dubiosen Kartenlegerin auszugeben. Du triffst quasi in Kontakt mit deinem eigenen Unterbewußtsein, das die meisten Antworten auf deine Fragen schon kennt. Die Karten sind somit eine Art verstofflichter Träger, die einem innerhalb eines bestimmten Systems Einblicke in sich selbst ermöglichen.
Das vielleicht besondere an meine Orakel ist, daß ich alte Archetypen aufführe, von denen Anteile unserer Seele noch zutiefst durchdrungen sind. Anteile, die wir mittlerweile in anderen Kulturen suchen, manchmal sogar finden, dabei aber völlig vergessen haben, daß wir eine eigene Mythologie besitzen, die derart vielfältiges und zeitlosen Wissen transportiert, das es ein Trauerspiel ist mit ansehen zu müssen, daß es so wenig Beachtung findet. Und mal ehrlich, in welchen Schulen (Waldorfschulen ausgenommen) werden heute noch die Götter unsere Vorfahren erwähnt oder gelehrt?

Sigill: Für was für eine Art von Leserin oder Leser denkst Du, ist dieses Buch in allererster Linie gemacht? Für den ganz normalen Heiden, den wildgeschminkten Pagan-Metal-Fan, Hausfrauenesoterikerinnen, einen mythologisch interessierten Comicfan oder...?
Voenix: Im  Prinzip  für Jederman/frau , die/der sich dafür interessiert, näheres über die Mythologie seiner Ahnen zu erfahren. Das Buch ist ja nicht nur informatives Begleitbuch für ein Orakel, das den Vergleich zu anderen Systemen wie der Astrologie oder dem Tarot sucht, sondern gleichzeitig noch ein bebildertes Nachschlagewerk mit anhängendem   Namensregister, welches einem durch Querverweise einen möglichst unkomplizierten Einstieg in die germanische Mythologie ermöglichen möchte. Mir ging es vor allem darum, all die Entsprechungen und Texten mit einem visuellen Erleben zu verknüpfen.

Sigill: Beim Lesen ist mir aufgefallen, das Du sehr viel Wert auf sexuelle Komponenten legst, viele Deutungen in diese Richtungen geben. Nun ist ja Sex wahrlich ein zentrales Thema der Menschheit. Trotzdem, warum ist das auch für Dich so wichtig! Waren die Germanen etwa ein Volk bei welchem sich alles um Sex und Met drehte?
Voenix: Diese Frage überrascht mich jetzt etwas, aber interessant, daß Du das so siehst. Das die Libido nun mal die Hauptquelle menschlichen Interesses und Machtstrebens ist, ist wahrlich kein Geheimnis mehr. jedoch scheint das "Wissen" darum, diesem Prozeß in keinster Weise ein Abbruch zu tun. Liest man einmal den Bericht eines arabischen Kaufmannes aus dem 10. Jh. n. Chr., der eine typische Germanische Siedlung besuchte und dortige Lebensweise aufzeichnete, ging es bei unseren Vorfahren mitunter schon recht direkt zur Sache. Vorwiegend weibliche Sklaven, aus Beutezügen mitgebracht, waren ständig "verfügbar" und man lebte seine Triebe am Eigentum des besiegten Gegners aus, was im Krieg ja Gang und Gebe ist. Das zu bewerten ist einerlei, den müßte ein Germane damaliger Zeit über unsere heutige, sexuell recht neurotisierte, Gesellschaft befinden, hätte er für unsere "natürlichen" Gepflogenheiten wohl ebensowenig Verständnis. Ich hoffe nur, daß mich die letzen 2 Sätze nicht als Frauenfeind erscheinen lassen, den dem ist nur wirklich nicht so. Ein Lektor des Buches bemerkte an einer Stelle, ich würde dort pseudofeministischen Frauenscheiß schreiben!?

Sigill: Sehr hart fällt Dein Urteil immer wieder über Kirche und Co. aus. Machst Du es Dir da nicht etwas zu einfach? Ich kenne diese weitverbreitete Meinung in heidnischen Kreisen: Bei den Germanen war alles gut, die Frauen wurden geachtet, aber dann als die Kirche kam wurde das Mittelalter finster. Waren unsere Vorfahren nicht eher Bärenfell tragende Metsäufer, die Ihre Frauen verprügelten. Also solche wie in "Erik der Wikinger" dargestellt? Wie siehst Du das?
Voenix: Geht man in der Geschichte Europas mal die letzen 1500 Jahre zurück, wird man kaum an den Greueltaten vor-beikommen, die im Namen der Kirche begangen worden sind. Von den heutigen sexuellen Neurosen ganz zu schweigen, aber das hatten wir ja schon. Doch Dinge nur auf die Kirche zu schieben oder irgendwelche Germanen im nachhinein zu   erhöhen   ist Quatsch!! Es ist doch immer der Mensch, der sich hinter Institutionen, Religion oder damaligen  Stammesbräuchen versteckt(e) und diese mitunter mißbrauchte, um seine (Macht)-Gelüste zu befriedigen. Sicher ist, der Stärkere und Potentere hatte das Sagen und daran hat sich nicht soviel geändert, wenngleich das Bewußtsein einiger Menschen heute doch glücklicherweise um einiges weiterentwickelt ist. Aber das Klischee vom Bärenfell-tragenden, Met-saufenden Germanen hält wohl genauso viel oder wenig, wie das Vorurteil vom dickbäuchigen, Bier- saufenden Deutschen, der zwar in nicht geringer Anzahl vorhanden ist, aber dennoch nicht die Mehrheit stellt.... und das Frauen in den letzten 2000 Jahre nicht viel zu lachen hatten ist zwar ein Drama, aber rückwirkend leider nicht mehr zu ändern.

Sigill: Zurück zum Buch. Die Orakelkarten dazu erscheinen erst verspätet. Bist Du mit dem Ergebnis, welches ja ein ziemlicher Kompromiß für Dich sein muß, trotzdem zufrieden?
Voenix: Nachdem das Buch so umfangreich geworden ist, habe ich eingesehen, daß einen Veröffentlichung als Set (Buch & Karten) finanziell für den Verlag (und den Leser) nicht tragbar wäre. Doch Kompromisse sind das halbe Leben und ich bin froh, daß das Buch in dieser aurwendigen und edlen Aufmachung erscheinen darf. Ob die Karten auf das gleiche Interesse stoßen, ist zwar noch ungewiß, doch selbst der Orakeluninteressierte ist vielleicht neugierig, wie den die Bilder in Farbe aussehen, da sie im Buch ja s/w abgebildet sind.

Sigill: Zum Schluß die obligatorische Frage nach zukünftigen Projekten.
Voenix: Zur Zeit sitze ich am zweiten Dante-Comic, der nach astrologischem System in der Widderhölle spielt. Er beschreibt die Reise des Helden nach innen, wo er all den kollektiven verdrängten und unterdrückten Seelenanteilen begegnet, den er sich stellen muß. Ein ungewöhnliches Comic-projekt, wie der erste Band sehr psychologisch mit tiefen, philosophischen Texten. Parallel dazu gestalte ich für den Arun Verlag ein farbiges, zeitloses heidnisches Jahreskreisposter, das neben einer Vielzahl von Zuordnungen auch manch visuelle Eindrücke bieten wird.
Als nächstes eigenständiges   Projekt möchte ich gerne eine Comicserie mit dem Titel: "Siegfried der Drachentöter" angehen, wo ich gedenke all mein bisher angeeignetes Wissen hineinfließen zu lassen, um eine weitere Comicserie zu schaffen, die zeigen wird, daß sich geistiger Anspruch und bunte Bilder nicht ausschließen müssen.

Interview von SP.

“Weltenesche Eschewelten" ist im ARUN-Verlag erschienen und kostet 68,00 DM. Gebunden mit Goldprägung und schönem Schutzumschlag. Unsere Empfehlung!