Buchvorstellung in Magie und Mythos Ausgabe 01/2000

Weltenesche Eschenwelten - Buchvorstellung durch Voenix

Die germanischen Götter im Wandel der Zeit

Kurz vor der Jahrtausendwende erscheint im Arun-Verlag das Buch: ”Weltenesche - Eschenwelten, das germanische Götterorakel”. Dabei handelt es sich um ein Werk, das einen ausführlichen Einblick in den mythischen Götterpantheon unserer Vorfahren eröffnet und gleichzeitig als Orakelspiel genutzt werden kann. Wir baten den Autor Voenix, der das Buch ebenfalls selbst illustrierte, uns seinen Ansatz etwas ausführlicher zu erläutern.

Als Grundlage für “Weltenesche” diente mir die Edda(s), eine Sammlung altnordischer Götter- und Heldenlieder, die zwischen dem 8. Und 13. Jh. n. Chr. in Nordskandinavien aufgezeichnet wurden und eine der wenigen schriftlichen Quellen in dieser Form darstellt.

Unsere germanischen Vorfahren verfügten ebenso wie andere Völker, über die Tradition einer Art ‘Seelenlehre’ (Psychologie), die es dem Suchenden ermöglichte, durch ein Studium von überliefertem Wissen und erlebten Erfahrungen, Einblicke in die seelischen wie kosmischen Geheimnisse zu nehmen. Obwohl vieles verloren gegangen ist, läßt sich doch manches davon, in mehr oder weniger verschlüsselter Weise, in den Liedern, Namen und Begriffen wieder entdecken. Der große Psychoanalytiker C.G.Jung, nannte in einem Aufsatz von 1936 über Wotan, die Götter “unzweifelhafte Personifikationen seelischer Gewalten”, welche dem Menschen aus dem dunklen Gebiet seiner unbewußten Seele entgegentreten. Auch Freud wies schon darauf hin, daß das sogenannte ‘Unbewußte’ über eine archaisch-mythologische Denkweise verfügt. Bei der Unterscheidung des ‘persönlichen’ wie ‘kollektiven’ Unbewußten, verwies Jung beim erstgenannten vor allem auf die gefühlsbetonten Komplexe des Einzelnen, während er für die Inhalte des Gesamten, das Wort ‘Archetypen’ verwendete. Dieser schon aus der Antike stammende Begriff steht für die Urform oder das Urmuster, also die älteste verfügbare Vorlage oder Prägung, die sich im Verlauf einer Kulturepoche herausbildet. Der Sinn und die Erforschung dieser Archetypen hat bis heute angehalten und zeigt, wie sehr diese Urbilder an Bedeutungskraft wieder zurückgewinnen. Einige der Götter stellen nach wie vor sehr mächtige dieser Archetypen dar, welche man sich als unpersönliche Handlungsmuster vorzustellen hat, die zuweilen im außen wahrgenommen oder aber im inneren eines Menschen, bewußt oder unbewußt, durch alte Erinnerungen aktiviert werden können. Das erkennen und erforschen dieser wesensnahen Seelenkräfte, welche uns in den Gestalten der Edda auf mythischer Ebene entgegentreten und als zeitlose Wahrheiten jederzeit zur Verfügung stehen, kann zu einem tiefen und wertvollen Verständnis der eigenen Empfindungs- und Handlungsweisen führen. Vor allem, wenn wir versuchen hinter diese Bilder zu schauen, um darin die Sehnsüchte, Absichten und Ängste der eigenen Seele zu entdecken. 

Die “Edda”, deren Name auch als “Urgroßmutter” übersetzt werden kann, enthält neben zahlreichen Sagen auch eine ganze Anzahl von Informationen, wie sich unsere Vorfahren ihre Götter vorstellten, bzw. mit welchen Attributen, Kräften und Aufgaben man sie versah. Diese Eigenschaften zu sammeln, aufzulisten und ihre Entsprechungen mit anderen Systemen zu vergleichen, war eines der Hauptanliegen. Weiter wurden, soweit nachvollziehbar, die Stammbäume untersucht und ein umfangreiches Namens- und Sachregister angelegt, das dem Laien durch Querverweise einen relativ einfachen Einstieg in die zuweilen recht komplexe Thematik erlauben soll.

Ich wählte 81 Gestalten der nordischen Mythologie aus und arbeitete deren Charakter, nebst einer Art psychologischem Profil heraus, um ihre Funktionen in ein Orakelspiel zu integrieren. Das gestaltete sich nicht immer als einfach, da einige der heidnischen Gottheiten mit Eigenschaften wie “Fruchtbarkeit” oder “Kampf” in Verbindung gebracht werden, ich aber bestrebt war, eine möglichst große Facettenvielfalt auszuarbeiten, um ein in sich greifendes Orakelsystem zu entwerfen. So wurden auch “nicht-göttliche” Geschöpfe, wie Zwerge, Tiere oder Riesen mit aufgenommen, da sie eine wesentliche Rolle im germanischen Weltgefüge spielen, das man sich als eine gigantische Esche (Yggdrasill) vorzustellen hat, um die sich neun verschiedene Welten ansiedeln. Eine vierfarbige Darstellung der Weltenesche findet sich auf der Rückseite des Buchumschlages, welche als Legeplan oder Wandschmuck genutzt werden kann.

Die Kapitel beginnen zunächst mit einer ganzseitigen s/w Illustration. Gegenüber finden sich dann Zuordnungen wie Runen, Bäume, Pflanzen, Attribute und ähnliche Gottheiten anderer Kulturen, sowie Entsprechungen im Tarot und nach astrologischem System. Nach einer kurzen Bildbeschreibung wird dann im wesentlichen auf die Mythologie und den Volksglauben eingegangen, denen eine charakteristische Analyse folgt, welche die dahinter wirkenden Energien bis in die Jetztzeit verfolgt oder ihr gegenüberstellt. Den Abschluß bildet eine entsprechende Kartendeutung, die sich übersichtlich in die Rubriken: Allgemein, Beruf und Beziehung unterteilt. Somit bleibt jedem selbst überlassen, ob er sich dem Thema nur auf informative Weise widmet oder sich selbst im “orakeln” versuchen möchte. Für die Befragungen werden im Vorderteil des Buches neun verschiedene Legemethoden angeboten, die nach Art der Fragestellung auszuwählen sind. Die dazugehörigen 81 Spielkarten werden im Frühjahr 2000 bei Arun erscheinen und sind dann natürlich in Farbe.

Man hält also quasi ein Bilderbuch, Nachschlagewerk und Orakelanleitung in einem in seinen Händen. Dem ritualmagisch Arbeitenden bietet sich hier bspw. eine genaue Übersicht, welche Gottheit er anrufen oder aus sich selbst hervortreten lassen möchte, wenn er beschließt sich dieser Kräfte zu bedienen. Von diesen Kräften bekam ich selbst manches zu spüren, da ich mich durch die malerische Umsetzung zuweilen auch in einem Zustand des “visionären Erschauens” wiederfand. In okkulter Terminologie gesprochen, könnte man die Arbeit an diesem Werk auch als schöpferische Synthese des “rechten” mit dem “linken” Pfad bezeichnen.

Mein Anliegen war und ist es, einen neuen Schritt in die Welt der mythischen Bilder zu wagen, in welcher einem die alten Götter und Widersacher unserer Kultur nicht mehr als ausgelagerte, übermächtige Wesen begegnen, sondern als zeitlose Archetypen, deren Wirken wir im Alltag in mannigfaltiger Erscheinungsform wahrnehmen und ebenso in uns selbst beobachten können.