Artikel von Voenix zu "Tolkiens Wurzeln" in AHA Februar/März 2003

Von Archetypen und alten Mythen zur Fantasy und dem "Herrn der Ringe"

Im Zuge der Neuverfilmung des "Herrn der Ringe" (HdR) rollt derzeit eine gigantische Merchandising-Welle über uns herein, deren Ende so schnell nicht abzusehen ist. Aufgrund des gigantischen Erfolges stellen sich Presse, Unterhaltungs-Medien, Unbedarfte und Fantasy-Fans in aller Welt wiederholt die eine bedeutsame Frage: Was ist eigentlich so besonderes an J.R.R.Tolkiens Ring-Epos? Warum begeistert er seit so vielen Jahren ganze Generationen von jungen und alten Menschen gleichermaßen, selbst jene, die sogenannte Fantasy-Bücher vorher nicht einmal mit der Kneifzange angefaßt hätten?

 

Voenix, Mythenkenner, Autor und Maler liefert mit seinem neuen Buch "Tolkiens Wurzeln" Antworten der etwas anderen Art auf diese Frage.

(Anmerkung: Der nachfolgende Artikel setzt sich aus verschiedenen Kapiteln des Buches und einiger bisher unveröffentlichter Textabschnitte zusammen, die bei der Recherche zu selbigem entstanden)

Der schon aus der Antike stammende Begriff "Archetyp" bezeichnet generell die Urform oder das Urmuster, also die älteste verfügbare Vorlage oder Prägung, die sich im Verlauf einer Kulturepoche herausgebildet hat. Die Psychoanalytiker Freud und C.G. Jung waren die ersten, die im Zuge ihrer Seelen-Erforschung mit diesem Begriff wieder vermehrt zu arbeiten begangen. Beide wiesen nachdrücklich darauf hin, daß das sogenannte "Unbewußte" über eine archaisch-mythologische Denkweise verfügt, die bspw. schon in Kindertagen durch das Vorlesen von Märchen stimuliert wird. Bei der Unterscheidung des "persönlichen" wie "kollektiven" Unbewußten, verwies Jung beim erstgenannten vor allem auf die gefühlsbetonten Komplexe des Einzelnen, während er für die Inhalte des Gesamten, das Wort "Archetypen" verwendete. Das heißt, eine archetypische Erscheinung kann in sich die Hoffnungen, Sehnsüchte, Ängste und Projektionen einer ganzen Kultur bündeln.
In einer Zeit, in der keine Unterhaltungsmedien existierten und die wenigsten Menschen lesen und schreiben konnten, wurden zeitlose Wahrheiten in Form von Sagen und Mythen in der Regel mündlich weitergegeben. Der angesehene Germanist Friedrich von der Leyen formulierte es gar so, daß sich in den jeweiligen Mythen die Träume der Völker spiegelten. So gesehen verfügten unsere Vorfahren sehr wohl über die Tradition einer Art "Seelenlehre" (Psychologie), die es dem Suchenden ermöglichte, durch ein Studium von überliefertem Wissen und erlebten Erfahrungen, Einblicke in die seelischen wie kosmischen Zusammenhänge zu nehmen. Obwohl schriftliche Quellen immer nur in kleiner Anzahl existierten und auch davon vieles verloren gegangen ist, läßt sich doch manches davon, in mehr oder weniger verschlüsselter Weise, in einigen Liedern, Namen und Begriffen der uns heute bekannten Mythen und Märchen wiederentdecken.

Fantasy = Moderne Mythologie?

Auf welche Formen von Mythologien werden die Menschen wohl in den kommenden Jahrhunderten zurückblicken? Und werden diese dann noch eine ähnliche Bedeutung für unsere Entwicklung haben, wie sie es heute schon in immer abgeschwächterer Form tun? Das griechische Wort "mythisch" bedeutet in etwa "sagenhaft, phantastisch", und bezeichnet damit all jenes, was sich weder historisch noch sonstwie belegen läßt, sich aber dennoch über lange Zeiten hartnäckig dem Vergessen widersetzt und die Gedanken und Phantasien nachstehender Generationen auch weiterhin zu beflügeln weiß. Versucht man sich den Begriff "Mythos" nun einmal als einen alten Baum mit vielen Wurzeln und weitverzweigter Krone vorzustellen, hat sich vor allem der Bereich "Fantasy" mittlerweile zu einem sehr eigenstämmigen (und vor allem lukrativen) Ast entwickelt - Ist die Fantasy von heute (in der ja so ziemlich alles erlaubt ist) also die Mythologie von Morgen? - Eine nicht ganz unberechtigte Frage, Angesichts der Unmengen an PC-Games, Rollenspielen und TV-Serien, die täglich über unsere Mattscheibe flimmern, denn schon längst hat die Film- und Medienindustrie erkannt, welch kommerzieller Nutzen aus den einstigen Mythen zu ziehen ist, die, je nach Belieben und Bedarf, von ihr ausgeschlachtet werden. In dem recht bekannt gewordenen Film "Der 13. Krieger" bedienten sich die Produzenten z.B. zu Hauf bei dem angelsächischen Beowulf-Lied und verwendeten ebenso Ausschnitte historischer Aufzeichnungen eines arabischen Kaufmannes, die jener im 11 Jhd. vor Ort über eine Siedlung der Rûs (Wikinger) sammelte. Gleichwohl der Film recht vielversprechend beginnt, verliert er sich schon bald in trivialem Action-Kino, wie man es ja zu genüge aus Hollywood gewöhnt ist. Anstatt etwas ausführlicher auf die beschriebenen und keinesfalls langweiligen Bräuche und Riten einzugehen, ergeht sich der Film in nicht enden wollendem Blutvergießen, das einem gegen Schluß sogar noch in Zeitlupe präsentiert wird. Nicht besser treibt es die multimythische Neuzeit-Amazone Xena, die in einer Sendung erfährt, daß sie in einem anderen Leben eine Walküre war und nun ihr "altes Karma" gegen Gottvater Odin bereinigen muß. Nur zwei Beispiele von klassischem "Mythenmißbrauch" für die Ignoranz und Rücksichtslosigkeit irgendwelcher drittklassigen Drehbuchautoren, die zu Hauf "neue" Ideen aus dem Ärmel schütteln (müssen) und dabei völlig übergehen, daß es oft die in sich geschlossene Vollständigkeit dieser alten Mythen, Märchen und Sagen ist, deren Wiedergabe lange Zeit von nicht ganz unerheblicher Bedeutung für die seelisch-geistige Entwicklung vieler Generationen vor uns waren.
Dem gegenüber könnte man freilich anführen, daß auch diese Geschichten irgendwann frei erfunden worden sind, daß sich die Zeiten nun einmal ändern und in einer multikulturellen Gesellschaft sich irgendwann ohnehin alles miteinander vermischen wird. Stimmt! Tatsache ist aber auch, daß sich der menschliche Geist durch die aufklärenden Wissenschaften und die Entwicklungen der letzten Jahrhunderte zwar zunehmend über die Funktionalität und Beschaffenheit seiner Umgebung bewußt wurde, dies seinen ausgelagerten Gottesbegriff und seine individuelle Phantasie aber immer weiter in den Hintergrund hat rücken lassen. Geht die spirituelle wie religiöse Erfahrung und Verbindung zum lebendigen Göttlichen jedoch erst einmal verloren, treten an deren Stelle unweigerlich Werte, Normen und Ersatzgötzen, die sodann eine eigene Form der Verehrung oder Anbetung erfahren. Daß die alten Götter, Mythen- und Märchengestalten zwangsläufig immer weiter verschwinden, ist deshalb auch auf das Ausbleiben der menschlichen Imaginationskraft zurückzuführen. Dabei scheint immer mehr in Vergessenheit zu geraten, daß diese mit starken Seelenkräften versehenen Archetypen, Sagengestalten und Götter auf einer anderen Ebene durchaus noch real existieren, ja geradezu auf eine Widerbelebung warten, wie das kollektiv neuerwachte Interesse an "Magie und Fantasy" (Harry Potter und Co) beweisen. Schon Michael Ende hat diese Thematik in seinen beiden bekannten Romanen "Die unendliche Geschichte" und "Momo" auf wunderbare Weise aufgegriffen.

Tolkien, gläubiger Katholik, Animist und Mythenschöpfer...

Möchte man nun tiefere Einsichten in die Zusammenhänge des ewigen "Menschseins" gewinnen, bietet die Erforschung mythischer Gestalten eine wunderbare Möglichkeit, sich selbst und seine Umwelt besser verstehen zu lernen. Der englische Schriftsteller und Universitätsprofessor John R(onald) R(euel) Tolkien war einer der ersten des vergangenen Jahrhunderts, der dies erkannte und einer Vielzahl dieser schlummernden Archetypen aus ihrem lange währenden Dämmerzustand verhalf. Er erweckte sie zu neuem Leben, baute ihnen eine wunderbare Bühne und machte sie einer breiten Öffentlichkeit wieder zugänglich.
Die Macht und Suggestivkraft vergangener Mythen erkannten fast zeitgleich auch die aufstrebenden Nationalsozialisten (Tolkien begann mit dem HdR Mitte der 30-er). Während der Professor fleißig seinen Weltroman zu Papier brachte, suchten diese Partei hierdurch das Augenmerk wieder verstärkt auf gewachsene Werte (nicht immer die schlechtesten!) und Ideale zu richten, von denen man im HdR nun auch nicht gerade wenigen begegnet (anzuführen wäre hier z.B. Tolkiens königliche Herrscher-Rasse der Dúnedain, in deren reinrassiger Blutlinie der Recke und Thronanwärter Aragorn steht), doch dies nur am Rande.
Mittelerde nennt sich der Landstrich, auf dem Tolkien seinen Ring-Epos inszenierte und auf dem er all seine legendären Völker und Rassen ansiedelte. Das sogenannte "Dritte Zeitalter" ist bei ihm eine Epoche, die von Zwergen, Elben, Hobbits, Orks und anderen seltsamen Wesen beherrscht wird, die aber schon allesamt im Dahinschwinden begriffen sind. Die sich immer stärker ausbreitenden Menschen bestimmen zunehmend das Geschehen, und seltsame Halblinge, mächtige Zauberer, Greifvögel und Heere von Elben erheben sich ein letztes Mal, um die Welt vor dem Bösen zu retten. Als Vorlage hierfür diente zweifellos "Midgard" (der Ort in der Mitte), ein Begriff für die Welt, der aus der Edda, einer Schriftsammlung nordischer Götter- und Heldenlieder, entlehnt wurde. Tolkiens systematisierte (Fantasy-)Welt, sein "magisches Zeitalter", wird von der Melancholie einer vergangenen Epoche überschattet, in der noch einmal die vergangenen Taten und Werte aufleben dürfen, bevor sie von den kommenden Errungenschaften der menschlichen Kultur für immer in das Reich der Vergessenheit und somit der Phantasie verbannt werden. Ein deutlicher Bezug auf die sich in den vergangenen 2000 Jahren immer weiter ausbreitende Kirche, nebst voranschreitender Industrialisierung (der der Naturliebhaber Tolkien sehr skeptisch gegenüberstand), ist hierbei nicht zu übersehen.
Das vorchristliche Heidentum war von einem animistischen Naturglauben beseelt, aus dem sich unter kirchlicher Vorherrschaft später der Aberglaube entwickelte, der zeitweise die kuriosesten Blüten trieb. Nach heidnischer Vorstellung sind die göttlich waltenden Kräfte in der Natur zu Hause. Bäume, Berggipfel und Quellen galten als von Zwergen, Elben, Riesen und Nixen bewohnt und wurden als direkte Manifestationen des Göttlichen an heiligen Plätzen verehrt. Somit nehmen all diese Erscheinungen in unserer frühgeschichtlichen Entwicklung eine nicht unerhebliche Rolle ein. Begegnen wir in ihnen während der Kindheit doch noch immer unseren ersten Persönlichkeitsanteilen, die wir mit der Kraft unserer Phantasie zum Leben erwecken, sie gleichzeitig aber nach außen verlagern, wo wir uns mit ihnen später differenziert auseinandersetzen können.

Ein Mythos und seine Folgen

Tolkien erschaffte im Verlaufe seiner schriftstellerischen Bemühungen eine eigene Kosmologie, in der er all seine wundersamen Charaktere auf so glaubhafte Weise erscheinen ließ, daß seine Schöpfungen weltweit mittlerweile einen weit größeren Bekanntheitsgrad besitzen, als es den Mythen unserer eigenen Kultur wohl jemals vergönnt sein wird. Hierzu trägt derzeit vor allem der neuseeländische Filmregisseur Peter Jackson bei, der in seinen zahlreich gegebenen Interviews immer wieder ausdrücklich betonte, daß er mit seiner HdR-Triologie keine Fantasy-Geschichte sondern eine Mythologie verfilme.

 

Bereits im September 1931 hatte Tolkien die Idee vom "Mythos als Erfindung im Bezug auf die Wahrheit" entwickelt, wodurch er sich selbst als "Nachschöpfer" bezeichnete. Seine Absicht war, den Leser/in mit einer spannenden und gut durchdachten Geschichte auf solche Weise zu verzaubern, daß man sich in dieser wie Zuhause fühlte, besser noch vergessen sollte, sich überhaupt in einer imaginär erschaffenen Welt aufzuhalten. Von solchem Eifer erfüllt, ist Tolkien, der zu Recht als Mitbegründer des Fantasy-Genres betrachtet werden darf, ebenso zu den großen Pionieren virtueller Realitäten hinzuzuzählen, mit denen wir heute immer zahlreicher konfrontiert werden. Die Flut an digital erschaffenen Filmen, immer perfekteren Computerspielen und der mit Riesenschritten nahende Cyberspace beweisen, welche potente Kraft hinter der menschlichen Phantasie stecken kann und welch ungeheurer Bedarf in einer immer technisierteren Welt danach vorhanden ist, die, und dies scheint wohl mit der paradoxe Geist des neuen Zeitalters, gleichzeitig erst die gewünschten Voraussetzungen (technischer wie psychischer Art) für diese künstlichen Welten mit sich bringt.

"Frodo for Präsident"

Während die meisten Autoren ihre Figuren nun gewöhnlich erst ersinnen und sie darauf mit Namen versehen, ging der Oxford-Professor genau andersherum vor. Tolkien war in erster Linie ein Philologe, der sich mit Herz und Verstand seiner großen Leidenschaft, der Wissenschaft der Sprache, verschrieben hatte. So wurden Worte und die Verfolgung deren Sprachwurzeln zur inspirativen Hauptquelle viele seiner Geschichten. Deren Verlauf wurde mitunter durch das Auftreten jener Personen und Kreaturen bestimmt, die mit der Bedeutung ihrer Namen einen entsprechend neuen Wesenszug mit einbrachten. Dieses intensive Studium über die Herkunft der Wörter, verbunden mit der Beschäftigung der Mythen unserer Vorfahren, ließ Tolkien unweigerlich in jene Quelle menschlicher Imagination eintauchen, deren inspirativer Fluß seit Jahrtausenden alle künstlerischen wie schöpferischen Menschen speist, die ihrerseits diesen Strom mit der Kraft ihrer eigenen Phantasie beständig weiternähren.
Wie tiefgreifend prägend der HdR es seit seiner Entstehung verstanden hat, mit seiner Botschaft ganze Generationen zu erfassen, soll abschließend anhand eines Phänomens veranschaulicht werden, daß sich in den 60-ern flächenbrandartig unter amerikanischen Studenten ausbreitete. Ein amerikanischer Verlag (Ace Books) hatte den HdR als billige Taschenbuchausgabe auf den Markt gebracht, der an den Universitäten auf eine begeisterte Leserschicht traf, die den Roman innerhalb kürzester Zeit zum Kultbuch erhob. Viele Studenten (Hippie-Szene als Gegenpol zu Vietnam) erklärten Hobbits und Co zu ihren persönlichen Anti-Kriegs-Heroen und nutzen sie sogar als Aushängeschilder für ihre Bewegung. Da "Ace Books" eine illegale Raubkopie des Romans erstanden hatte und sich weigerte, Honorare an den Autoren zu zahlen, kam es auf Druck der enormen Fangemeinde zu Boykotten gegen den Verlag, der später auch pleite ging. Sinniger Weise trug diese Billigausgabe überhaupt erst dazu bei, dem HdR in Amerika zu seinem nicht vorhersehbaren Ruhm zu verhelfen.
Was aber war da wirklich in den Staaten passiert? Es ist weithin bekannt, daß das amerikanische Volk sich aus einer Vielzahl der unterschiedlichsten Rassen zusammensetzt, die auf keine gemeinsame, sieht man einmal von den in Reservaten dahinvegetierenden indianischen Völkern ab, Kultur zurückblicken können. Ein großer Anteil der weißen Bevölkerung besteht vorwiegend aus den Nachfahren europäischer Einwanderer, in deren "kollektiver Seelenschicht" somit noch immer die Erinnerungen an ein gemeinsames mythisches Erbe verwurzelt sind. Folgt man nun einmal C.G. Jungs bereits erwähnter Auffassung, das die Symbole der Mythen, Märchen und Sagen nicht beliebig konstruiert, sondern vielmehr aus den Tiefenschichten des Unbewußten zu uns emporsteigen, erscheint manches in einem klareren Licht. Mit einem Schlag sah sich eine ganze Generation heranwachsender Amerikaner mit den seelischen Wurzeln ihrer ureigensten Kultur konfrontiert, die ihnen in Tolkiens epochalem Werk in bunter Vielfalt wieder entgegentraten.
Fraglich bleibt, warum sich der "Altmeister der Fantasy" Zeit seines Lebens von jeglicher Allegorisierung seines Hauptwerkes distanzierte, denn wenn die buntbemalten Plastikfiguren seines Romans mal wieder aus einem der unzähligen Überraschungseier aus Schokolade schlüpfen, würde selbst Tolkien sich nicht länger der "Allegorie" verschließen können, daß sich auf kaum bildhaftere Weise sein Mythos gerade mal wieder in die Welt gebiert.

Zum Buch:

Neben einer kurzen Biographie und einer genauen Bestandsaufnahme der von Tolkien geschaffenen Welten und Völker, werden alle zentralen Charaktere des HdR durchleuchtet und mit den bestehenden Mythen des Abendlandes verglichen. Das Buch ist außerdem durchgehend farbig illustriert, wobei sich Voenix größtenteils an den Darstellern der dreiteiligen Neuverfilmung orientierte. (siehe die Bilder dieses Artikels)

Tolkiens Wurzeln: Die mythischen Quellen zu "Der Herr der Ringe"
176 Seiten, Broschur 4-farbig mit vielen Illustrationen, Euro 20,-
Erschienen in der Akron Verlags AG
ISBN 3-905372-19-3