Interview zu "Tolkiens Wurzeln" in Hagal 04/2003

Interview zum Thema: Mythologie und Phantasie in "Der Herr der Ringe"

Hagal Ausgabe 4 - 2003

1. Tolkien wird oft als Vater der sogenannten "Fantasy-Literatur" bezeichnet. Ist es wirklich "nur" des Autors Phantasie, sofern bei Tolkien überhaupt von "Autor" gesprochen werden kann, die sich in seinen Werken niederschlägt?

Voenix: Den Titel "Vater der Fantasy-Literatur" hat er sicherlich im Wesentlichen dem großen Erfolg seines HdR-Werkes zu verdanken, dessen Publizität ja schon zu seinen Lebzeiten weit über den Ozean hinausging. Was Tolkien von vielen anderen Fantasy-Autoren abhebt, ist wohl der Umstand, dass er auf der "weltlichen" Seite ein sehr strebsamer und diszipliniert arbeitender Philologe war, sich gleichzeitig aber eine reichhaltige Phantasiewelt aus der Kindheit mit rübergerettet hatte. Das beständige Suchen und Forschen in den Mythologien verschiedener Kulturen, gepaart mit seiner Vorliebe fürs Erzählen, ließen ihn schließlich eine Welt schöpfen, deren Zauber meines Erachtens auf drei wesentlichen Dingen basiert:
Erstens, Tolkien griff zu Hauff auf bereits bestehende Mythen und Archetypen der abendländischen Kultur zurück, die er gelegentlich etwas umbaute und mit ihnen eine nachvollziehbare Welt erschuf, wie sie so einmal wahrhaftig hätte existiert haben können. Er entwickelte diese Welt(en) weiter, vervollständigte sie durch eigene Sprachen und verlieh ihnen durch die Auflistung von noch weiter zurückliegenden Begebenheiten zusätzlich etwas von dem vergangenen Glanz ruhmreicher Zeiten, auf die der Mensch im Nachhinein ohnehin gerne mit Wehmut zurückblickt. Der Reihe nach agieren seine Figuren nun auf einstigen Ruinen oder werden mit den Folgen der Vergangenheit konfrontiert. Damit bietet er der Phantasie des Lesers ständig zusätzlichen Spielraum an.
Zweitens: Er lässt seine Protagonisten mit einer solch emotionalen Hingabe agieren, dass sich darin so ziemlich alles an erstrebenswerten Tugenden und Werten wiederfindet, die vor allem für Jugendliche einen wichtigen Wegweiser und Begleiter auf dem Weg ihrer Persönlichkeitsentwicklung darstellen können.
Und drittens: Durch das Schildern mehrerer Zeitalter und das Verwenden von Gestalten (Gandalf, Elrond, usw.), die diese bereits durchlebt haben, gelingt es ihm auf gelungene Weise das ewige Stirb-und-Werde-Prinzip zu vermitteln, dem letztlich alles unterworfen ist. So schließt das Buch auch nicht dort, wo Sauron besiegt und das vermeintlich Böse vernichtet ist, nein, es führt den Leser zurück an den Ausgangspunkt seiner Odyssee, ins Auenland, wo die gereiften Protagonisten nun unter Beweis stellen müssen, was sie draußen in der großen, weiten Welt gelernt haben.

2. Wie erklärst Du Dir, daß in einer Zeit wie der unsrigen ein von Mythen durchdrängtes Werk wie der "Herr der Ringe" einen solchen Erfolg hat?

V: An dieser Stelle auf die schon so vielfach zitierte Realitätsflucht einer rational durchgestylten Gesellschaft einzugehen, erachte ich als müßig. Da ich meine Kreativität in diesem Leben ohnehin der faszinierenden Erforschung der Mythen verschrieben habe, stellt sich mir eine solche Frage eigentlich nicht wirklich, gleichwohl ich ja eine ähnliche Formulierung als Aufhänger für die Erstellung meines Buches gebrauche. Es ist viel mehr andersherum - so dass ich mich schon oft gefragt habe, warum wir Menschen nicht viel öfters Gebrauch von diesen alten Mythen machen, aus denen man auch heute noch einen vielfachen Nutzen ziehen kann.

3. Tolkiens Botschaft, daß die Natur belebt ist, ist unmißverständlich. Die Ents, die Baumhirten, und auch der koboldhafte Tom Bombadil machen deutlich, daß in der Natur Kräfte Wirken, die die Menschen erkennen und akzeptieren sollten. Stimmt es zuversichtlich, daß durch den Erfolg des "Herrn der Ringe", ob als Buch oder Film, die Menschen dies begreifen und entsprechend handeln?

Was diesen Punkt anbelangt, würde ich mich keinen allzu großen Illusionen hingeben. Dieses wichtige Thema taucht(e) ja bereits in vielen Märchen und Filmen auf, aber ob diese Tatsache wirklich etwas nachhaltiges in den Köpfen bzw. dem Bewusstsein der Menschen hinterlässt, würde man vielleicht daran ermessen können, wenn man mit den Lesern oder Besuchern der Filme sogenannte Langzeitstudien verfolgen würde, aus denen man dann ersehen könnte, ob ein weiteres oder späteres Verhalten der Natur gegenüber hier wirklich beeinflusst worden wäre. Doch wer würde schon so abstruse Untersuchungen anstellen wollen? Allerdings möchte ich an dieser Stelle auch nicht zu schwarz malen, denn das Einflechten von, nennen wir es mal ein wenig elitär, bewusstseinserweiternden Impulsen, liegt ja auch in meinem Bestreben, sobald ich mich an eine neue Geschichte begebe, die irgendeinen Ausschnitt aus dem großen Abenteuer Leben herauszirkelt. Denn eines ist den ganzen Märchen, Mythen und Sagen doch gemeinsam: es bleiben einem vor allem jene in guter Erinnerung, deren Inhalte mit Problemen und Werten angereichert sind, denen wir gerade im Alltag nicht begegnen, die von ihrem Grundthema aber sehr wohl etwas mit unserer seelisch-geistigen Entwicklung zu tun haben.

4. Der Kampf des Bösen gegen das Gute ist das hauptsächliche Element im "Herr der Ringe". Und doch gibt es in diesem zwei unterschiedliche Formen des Bösen. Zum einen Saruman, der sich auf die Seite des Bösen schlägt, weil er auf seinen eigenen Vorteil und seine Macht bedacht ist. Zum anderen Sauron, der das Böse schlechthin ist, er will das Böse nur um des Bösen Willen auf der Welt verbreiten. Beide Ausprägungen des Bösen gibt es auch in unserer Welt. Wessen Wirken siehst Du als die größere Gefahr an?

Tolkiens Umgang mit diesem Thema war nicht gerade besonders einfallsreich. Fast sämtliche Protagonisten lassen sich schon beim ersten Hinsehen in "gut" oder "böse" charakterisieren. Wirklich interessant sind eigentlich nur jene Gestalten, die immer wieder Gefahr laufen, sich von der Macht des Ringes korrumpieren zu lassen, oder bei denen dies bereits geschehen ist, wie Gollum oder die Ringgeister, deren einstmals menschliche Seite gerade in den Neuverfilmungen ja schön herausgearbeitet wurde.
Die persönliche Frage darauf, welche der beiden Ausprägungen des Bösen ich als die größere Gefahr auf diesem Planeten erachte, schließt natürlich schon im Vorfeld eine gewisse Wertung mit ein, nämlich die, dass das absolute Böse irgendwo da draußen wahrhaftig existiert. Dazu kann ich nur sagen, dass es mir in dieser Form selbst noch nie begegnet ist! Wann immer sich das sogenannte "Böse" zeigt, offenbart es sich doch in uns bzw. durch uns Menschen. Die Frage wäre also eher, was uns immer wieder dazu antreibt, derartiges tun zu müssen? Dinge, wodurch wir einander immer wieder aufs Neue die "Hölle" auf Erden bescheren, denn die liegt und lag meiner Ansicht nach seit Anbeginn der menschlichen Evolution in uns selbst und nicht im Außen bzw. irgendwo unter der Erde. Vielleicht war das Tolkiens wirklicher Geniestreich. Am Feuerkrater des Schicksalsberges erkennt Frodo, dass das gefürchtete Böse nicht nur in Sauron wohnt und damit durch dessen Vernichtung gänzlich überwunden werden kann. Frodo hat Machtgier als eine aus sich selbst hervortretende Eigenschaft erfahren müssen/dürfen und diese tiefe Erkenntnis veranlasst ihn schließlich dazu, die einfache Beschaulichkeit des Auenlandes zu verlassen. Gemeinsam mit den anderen Ringträgern bricht er in ein Land (eine höhere Ebene) auf, wo Platz ist für Wesen, die jener Umstand eint, ein wirkliche Verantwortung tragendes Individuum geworden zu sein.

5. Sauron war es, der den Einen Ring schuf, um "sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden ...". Ist es nicht bedenklich, daß sich viele "HdR-Fans" einen solchen Ring, das Machtinstrument des Bösen - wenn auch "nur" aus einer Geschichte -, an den Finger stecken?

Diese Frage habe ich mir auch schon gestellt und ich möchte sie hier gerne ein wenig von der okkulten Seite aus beantworten. Wie ich gehört habe, erfreut sich dieser Merchandising-Artikel vor allem bei Paaren einer besonderen Beliebtheit. Darüber mag der ein oder andere nun schmunzeln, Tatsache aber ist, das dieses Symbol, kollektiv gesehen, sehr negativ besetzt ist. Auf einer anderen, unbewussten, Ebene ketten sich diese Paare durch einen derartigen "Liebesbeweis" also wirklich aneinander. Dies mag zwar bedenklich sein, aber tun wir dies seit Jahrhunderten nicht schon längst vor jedem Traualtar? Für mich persönlich macht dieser "Ring der Macht-Verkaufsartikel" lediglich etwas sichtbar, was ohnehin seit jeher in uns Menschen liegt. Das Pochen auf persönlichem Eigentum, Sicherheitsdenken und Einverleibungsstreben sind ja gewiss keine Erfindung der Fantasy, aber wenn wir das zu ändern schon nicht bereit oder imstande sind, so lässt sich damit doch zumindest mal wieder der ein oder andere schnelle Euro machen, nicht? :-)