Interview zu "Tolkiens Wurzeln" für den Abyss Abgrund Almanach 2003

Interview mit Voenix im Rahmen des Tolkien-Features

für den A:A-Almanach 2003.
Deadline: 28.03.2003.

[01] – Voenix, Du bist vielen aufmerksamen Interessengängern der spirituellen ‚Szene‘ als Mythenkenner und Illustrator bekannt. So bestreitest Du zum Beispiel im Periodicum AHA – Vision & Voice des neuen Äons eine Comic-Reihe namens Der Magus. Zudem hast Du mit dem bekannten Schattenphilosophen und Okkultisten Akron einen eigenen Verlag mit Sitz in der Schweiz gegründet. Stell‘ doch am besten mal Deine Person und Dein Schaffen in wenigen Worten vor, so dass ich mir eine entsprechende Einleitung sparen kann.

Voenix: Nun, ich lebe derzeit mit Freundin und unserer kleinen Tochter in Thüringen und werde, wenn dieses Interview erscheint, sechsunddreißig Jahre alt geworden sein. Meine Brötchen verdiene ich als Schriftsteller und freier Künstler und meine bevorzugten Gebiete drehen sich ums Thema Mythologie (wobei mich hierbei vorwiegend die nordisch-germanische anspricht), Okkultismus und die Erforschung der Psyche, bzw. das menschliche Unbewusste. Ich betreibe seit knapp achtzehn Jahren etwas Kraftsport und würde mich selbst, auf die genannten Interessengebiete angesprochen, mal als recht strebsamen und geduldigen Arbeiter bezeichnen. Während die meisten meiner Projekt zum „germanischen“ Bereich beim Arun-Verlag erscheinen, ist der kreative Umgang mit den Themen des Okkulten Hauptdreh- und Angelpunkt der von Akron, Lussia und mir im Sommer 2000 gegründeten Akron Verlags AG. Ich hoffe, das was kurz genug?!

[02] – Auf dem Sommerfest 2002 der Thelema Society haben wir uns darüber unterhalten, dass Ihr mit dem Verlag die Stammkundschaft noch erweitern möchtet, da Ihr denkt, ein größeres Potential zu besitzen, als jetzt nur im esoterischen Bereich für Aufsehen zu sorgen. Im Vorwort eines Deiner neuen Bücher, auf das ich gleich näher eingehen werde, sprichst Du von unterschiedlichen Realitätstunneln und bist Dir der Tatsache bewusst, dass man manche Menschen mit gewissen Ansichten leicht verunsichert.
Dein aktuelles Buch Tolkiens Wurzeln. Die mythischen Quellen zu “Der Herr der Ringe”(HdR) soll diesem Gespräch als Grundlage dienen. Der HdR sorgt gerade auch für Begeisterungsstürme in gewissen Szenen und manche, so scheint es, sind beseelt von einer trächtigen Zukunft. Da Filme generell einen leichten Zugang zum Konsumenten der heutigen Tage, zum vielzitierten Alltagsmenschen haben, erhoffen sich die Künstler, die eher an einer ‚Buchstabenkultur‘ teilhaben, einige Auswirkungen auf ihre Situation und Anerkennung.
Haben sich Deine Einschätzungen seit der Veröffentlichung des Buches bestätigt?

Voenix: Bisher eigentlich noch nicht, zumindest, was die Verkaufszahlen meiner Bücher anbelangt. Das mag zu einem großen Teil aber auch daran liegen, dass unsere Akron Verlags AG, wo ich dieses Buch publiziert habe, ein noch recht unbekannter Verlag ist, der sich die Vertriebskanäle, die für eine größere Verbreitung des Buches notwenig wären, erst noch erschließen muss. Allerdings bekomme ich inzwischen fast täglich Fanpost, worunter sich seit kurzem auch Leser befinden, die mir mitteilen, dass Tolkiens Wurzeln ihnen die Augen für manche Zusammenhänge geöffnet habe und sie vieles (vor allem ihre Begeisterung für den HdR) jetzt aus einem besseren Verständnis heraus begreifen können. Das freut einen natürlich, wenn ein Buch genau zu jenen Leuten findet, für die es auch konzipiert wurde.
Mit den angesprochen „unterschiedlichen Realitätstunneln“ möchte ich vor allem ein wenig an die Toleranz der Leser und mögliche Kritiker appellieren, denn wie schnell wird ein Buch leichtfertig in die Eso-Schublade gesteckt, nur weil es gelegentlich auf ein Vokabular zurückgreift, dass viele aus Unwissenheit gerne belächeln. Es ist schon richtig, dass Akron und ich mit unseren Büchern vordergründig die Eso-Szene „beliefern“, allerdings stoßen wir hier mit unseren gemeinsamen Werken bisher eher auf Ablehnung und landen dort wiederum in der Schublade für Satanisten. Deshalb gehen unsere Bestrebungen auch dahin, etwas mehr in die „literarische Szene“ zu kommen, wo wir vor allem mit unserem Dantes-Inferno-Projekt zu landen hoffen.

[03] Schon im Klappentext weist der Verlag auf die Flut an Veröffentlichungen zum Tolkien-Mythos hin und auch in Deinen Vorabüberlegungen legst Du Deine eigene Geschichte bezüglich dieses Werkes dar.
Jetzt stellt sich mir die Frage, ob Deine allgemeine Affinität zur Mythologie unserer Vorfahren einen Ausschlag gab, auch Tolkiens Welt zu untersuchen, die ja oberflächlich betrachtet (Meine hier also auch konkret die Kino-Leinwand.) viel mit Mythologemen spielt. Spielen ist unter Umständen vielleicht schon der richtige Ausdruck, da Tolkien nicht den Anspruch hatte, eine schon bestehende Mythologie eins zu eins zu übernehmen, sondern eine eigene Tiefe zu erschaffen. In der gängigen Forschung wird dies mit sub-creation terminologisch erfasst. Vielleicht erzählst Du einfach mal etwas von Deiner jahrelangen Beschäftigung mit Mythologie und führst den Leser in den Zauber der Tolkienschen Mythologie ein.

Voenix: Als ich vor fast drei Jahren beschloss, dass Buch zu schreiben, habe ich mal beim größten Internet-Buchhändler den Suchbegriff „Tolkien“ eingegeben, um mal zu sehen, was es zu diesem Thema bereits schon alles auf dem Markt gibt. Ich bekam eine Liste von achtzig Büchern aufgereiht. Mittlerweile bekommst du an selber Stelle weit über zweihundert Titel aufgelistet, da wird es selbst für den harten Fan anstrengend, sich durchzuklicken. Aber es ist natürlich nur nachvollziehbar, das zig Branchen nun versuchen auf diesen Mega-Hype mit aufzuspringen und ich wäre ein Lügner, zu behaupten, dass ich damals nicht auch ähnliche Gedanken hegte. In meinem Vorwort habe ich ja erwähnt, das die Ankündigung eines Remakes des Filmes den letztendlichen Ausschlag für dieses Buch gab. Mit dem Gedanken, dem Tolkien-Fan einmal die Wurzeln seiner Begeisterung etwas näher vor Augen zu führen, habe ich aber schon länger gespielt, denn der Zauber von Tolkiens Welt basiert meines Erachtens auf drei wesentlichen Dingen:
Erstens, Tolkien griff zu Hauff auf bereits bestehende Mythen und Archetypen der abendländischen Kultur zurück, die er gelegentlich etwas umbaute und mit ihnen somit eine nachvollziehbare Welt erschuf, wie sie so einmal wahrhaftig hätte existiert haben können. Er entwickelte diese Welt(en) weiter, vervollständigte sie durch eigene Sprachen und verlieh ihnen durch die Auflistung von noch weiter zurückliegenden Begebenheiten zusätzlich etwas von dem vergangenen Glanz ruhmreicher Zeiten, auf die der Mensch im Nachhinein ohnehin gerne mit Wehmut zurückblickt. Der Reihe nach agieren seine Figuren nun auf einstigen Ruinen oder werden mit den Folgen der Vergangenheit konfrontiert. Damit bietet er der Phantasie des Lesers zusätzlichen Raum an.
Zweitens: Er lässt seine Figuren mit einer solch emotionalen Hingabe agieren, dass sich darin so ziemlich alles an erstrebenswerten Tugenden und Werten findet, die vor allem Jugendlichen ein wichtiger Wegweiser und Begleiter auf dem Weg ihrer Entwicklung zu einer eigenen Persönlichkeit darstellen.
Und drittens: Durch das schildern mehrerer Zeitalter und das verwenden von Gestalten (Gandalf, Elrond, usw.), die diese bereits durchlebt haben, gelingt es ihm auf gelungene Weise das ewige Stirb-und-Werde-Prinzip zu vermitteln, dem letztlich alles unterworfen ist. Das Buch schließt nicht dort, wo Sauron besiegt und das vermeintlich Böse vernichtet ist, nein, es führt den Leser zurück an den Ausgangspunkt seiner Reise, ins Auenland, wo die gereiften Protagonisten nun unter Beweis stellen müssen, was sie draußen in der großen, weiten Welt gelernt haben.
Auch daran, dass der HdR auf seinen über zwölfhundert Seiten ohne einen einzigen sexuellen Aspekt auskommt, kann man ersehen, wie facettenreich das Zusammenspiel der einzelnen Charaktere stattfindet, das im schlechtesten Fall vielleicht etwas langatmig erscheint.

[04] – Das Konzept Deines Buches kann ich nicht anders als gelungen bezeichnen: Du führst jeweils in die Rollenverteilung der einzelnen Personen und Gegenstände ein, erläuterst ihre Parallelen zu Mythen unserer Welt beziehungsweise Vergangenheit und führst auch noch geschickt in esoterische Vorstellungen ein. Zudem beziehst Du Dich mehrmals im Buch auf C.G. Jungs Erklärungsmuster der Archetypen, sprich: jede Rasse und jede einzelne Figur im Herr der Ringe veranschaulicht eine Facette menschlichen Tuns und Denkens. Deine farbigen Illustrationen erleichtern da sicherlich auch noch das nähere Verständnis. Auf dem Hintergrund des Films verdeutlicht das Buch – aber in einem durchaus unkommerziellen Rahmen – die näheren Beweggründe des Buches und der Verfilmung.
Welche Erwartungen knüpfst Du denn persönlich und als freischaffender Künstler an den Medienrummel um den Film, der ja zuweilen marketingtechnisch perverse Züge annimmt?

Voenix: Nun, wie du ja schon so treffend angedeutet hast, sehen wir Künstler, die wir uns auf die Zweidimensionalität beschränken, heutzutage vielfach mit dem Problem konfrontiert, dass eine solche Flut an Bildern und Informationsquellen existiert, dass man das Lesen eines Buches mittlerweile schon wieder als etwas besonderes bezeichnen könnte. Denn ein Buch zu erstehen, gehört heute zu den einfachsten Sachen, es aber auch mit etwas Aufmerksamkeit zu lesen, ist eine andere. Da lässt sich eine Musik-CD oder Video-DVD schon sehr viel einfacher einlegen und konsumieren. Diesen Umstand wissen vor allem die großen Verlage zu Nutzen, indem sie gewöhnlich eine ganze Flut an entsprechenden Publikationen auf den Markt schmeißen, die dann zwar einen schnellen Euro machen, aber sobald eine Welle wieder abgeklungen ist, genauso schnell auch wieder verschwunden sind. Leute wie wir hingegen versuchen, Dinge etwas genauer zu untersuchen, bzw. ihnen etwas Tiefgang abzugewinnen, was zumeist wieder eine ganz andere und vor allem kleinere Leserschicht erreicht.
Aber wie schon angedeutet, besteht natürlich etwas Hoffnung darin, mit einem Buch wie Tolkiens Wurzeln das allgemeine Interesse wieder etwas für unsere eigene Mythologie zu wecken, was im besten Fall meine anderen Werke mit einschließen würde.

[05] – Lass uns jetzt mal etwas näher auf einzelne Aussagen Deines Buches eingehen:
Zunächst sprichst Du von einem Brechen des Schweigens, das in heutigen Zeiten oft bezüglich einer synthetischen Sprechweise herrscht, d.h. heute wird eher durch den Vormarsch der Naturwissenschaften und Technologien und mit ihnen eine zergliedernde Denkweise verbreitet. Du setzt nun am Mythos unter dem Aspekt einer ‚Seelenlehre‘ (Psychologie) an und sprichst von einem “gewaltigen Seelen-Drama, in dem sich die Psyche des Lesers mit ihren unterschiedlichsten Ausformungen konfrontiert sieht.” (S. 14) Die Beschäftigung also mit der mythischen Weltsicht, um selbst wieder zu einer integrierten Persönlichkeit zu kommen. Gerade da helfen Deine Illustrationen zur weiteren ‚Meditation‘ (im Sinne eines Reflektierens) natürlich ungemein.

Voenix: Dieser Vorsatz trieb mich vor allem bei meinem Buch „Weltenesche“ an, wo ich sehr ausführlich auf den gesamten Götterpantheon unserer heidnischen Vorfahren eingehe. Dieses umfangreiche Werk, dessen Grundkonzept dem Tolkien-Buch als Vorlage diente, hatte natürlich etwas von einem langwierigen Eigenstudium der verschiedenen Götter und Gestalten, in deren Eigenschaften und Taten sich so ziemlich die ganze Palette menschlicher Absichten und Handlungsmuster finden lassen. Doch wie Tolkien komme auch ich immer mehr zu dem Schluss, dass sich diese, ich nenne es mal „zeitlose Wahrheiten“ sehr viel besser in Form von Geschichten oder Märchen transportieren lassen, denn Geschichten verstehen es die eigene Phantasie anzuregen und lassen uns hierdurch zumeist viel tiefer in „archetypische Seelenmuster“ und deren mögliche Problematiken eintauchen, wie es bspw. Sachbüchern oder Nachschlagewerken vergönnt ist. Natürlich spielt dabei auch das visuelle Empfinden eine sehr große Rolle. Gerade als Maler weiß man, welch tiefen Einfluss Bilder und das Verwenden von Symbolen auf unser Unbewusstes haben können. Mit ein Grund, warum es bisher kein Buch von mir gibt, das nicht auch illustriert ist.
Und mit der „Wiederbelebung des Mythos“ meine ich vor allem eine Rückbesinnung auf überlieferte Werte und altes Wissen, die in unserer heutigen Multikulti-Gesellschaft ein sehr wertvolles Gut zur persönlichen Orientierung der Psyche stellen können.

[06] – Ich sehe immer wieder auch Dein Bestreben, die fiktive Mythologie Tolkiens zum Anlass zu nehmen, bei der Leserschaft das Interesse an der eigenen, vergangenen Mythologie zu erwecken. Nachweislich beschäftigte sich Tolkien ja ausgiebig mit nordischen Sagen (Er hatte auch eine Zeit lang einen Lektürekreis, bei dem regelmäßig Island-Sagas gelesen wurden.) und beklagte in einem Brief, dass Hitler all das Hohe im nordischen Menschen durch seine extremen Ansichten für immer in den Schmutz gezogen hätte. Dir nach langjähriger Beschäftigung mit diesem Themenkomplex müssten ja die gängigen Vorurteile bekannt sein.
Aber denkst Du auch, dass mit dem HdR ein ‚ziviler Weg‘ gefunden wurde, eine breite Bevölkerungsschicht wieder für die Götterwelt des nordischen beziehungsweise germanischen Pantheons zu begeistern. Liegt da nicht unter Umständen auch ein Grund verborgen, warum Tolkiens Trilogie eine so große Auflagenstärke erreichen konnte? In den immer noch in der Überlieferung starken Volksmärchen findet man viele Ausläufer der früheren Stammbilder. Provokant noch hinzufügt: Siehst Du eine Konkurrenz zwischen den geschichtlich gewachsenen Mythen und dem Tolkienschen sub-creation-Mythos, secondary world versus primary world?

Voenix: Von einer Konkurrenz würde ich in diesem Zusammenhang vielleicht nicht gerade sprechen. Denn wie du ja schon andeutest, hat Tolkien einen großen Beitrag dazu geleistet, viele „unserer“ Archetypen und Märchengestalten auf diesem Wege quasi zu rehabilitieren. Vielleicht wäre es nicht mal vermessen zu behaupten, dass er der aufkommenden und die Mythen vereinnahmenden Nazibewegung sogar etwas entgegenschrieb, wie sich z. B. aus der Namensprägung des Wortes „Nazgûl“ möglicherweise ersehen lässt (man bedenke die bekannt gewordenen Grausamkeiten der schwarzuniformierten Totenkopf-SS). Schließlich schrieb Tolkien sein Werk ja parallel zur Entstehung des 3. Reiches, und selbst sein sich ständiges Verwahren vor politischen Gleichnissen auf sein Werk, kann doch nicht völlig entkräften, dass das damalige Weltgeschehen einen intellektuellen Denker und Künstler wie ihn nicht auch irgendwie beeinflusste. Allerdings ist auch unbestritten, dass durch die Dreiteilige Neuverfilmung und den riesigen Merchandising-Rummel Tolkiens Schöpfung jetzt schon ein weltweit größerer Bekanntheitsgrad beschert ist, als er unserer eigenen Mythologie jemals hat zuteil werden dürfen. Daran trägt natürlich wiederum unsere Vergangenheit eine große Teilschuld. Nachdem von den Nazionalsozialisten missbraucht und bis ins heroische Übermaß stilisiert, hat Deutschland seine Vergangenheit zu diesem Thema bis heute nicht gänzlich überwunden. Die Beschäftigung mit Runen und den nordischen Göttern veranlasst die Presse dann zuweilen schon mal zu solchen Überschriften wie „Die Esoterik als Brutstätte des Faschismus“. Die Skandinavier hingegen haben einen völlig natürlichen Umgang mit ihrer eigenen Mythologie und brauchen sich auch nicht zu schämen oder irgendwelchen jüdischen Einrichtungen gegenüber zu verantworten, wenn sie mal ihren Stolz darüber kundtun.
Dass der Erfolg des HdR, wie von dir angesprochen, zu einem großen Teil darauf beruhen soll, dass er sich massiv aus der nordischen Götter- und Sagenwelt bedient, ist für mich unbestritten. Dies versuche ich in Tolkiens Wurzeln vor allem an der Gestalt des Zauberers Gandalfs festzumachen, bei dem sich fast alle Züge und Erscheinungsattribute des germanischen Gottes Wotan finden lassen.

[07] – In einigen Büchern wird der magische Aspekt deutlich hervorgehoben – und man gerät schnell an die Klischeevielfalt der gängigen Fantasy-Literatur, die magische Artefakte als effektive Handlungsträger rege einsetzt. Von Fantasy-Autoren wird aber eine wie auch immer geartete Bedeutung dieser Gegenstände in einem spirituellen Weltbild ignoriert. Auch in der phantastischen Literatur sind allgemein Romane mit okkultistischem Anstrich eher als Pamphlete (für manche mag das wohl zutreffen) verschrien. Nun wurden die Märchen schon hinlänglich von Tiefenpsychologen auf ihren hintergründigen Gehalt hin untersucht. Der HdR scheint ein Werk vor allem zu sein, dass den Gebrauch der Hohen Künste ins rechte Licht rückt, will heißen: die Magie selbst ist neutral. Aber besonders an Gandalf und auch Saruman zeigt sich, wie man mit dieser großen Macht umgehen kann, welches Potential in der Magie verborgen liegt.
Viele Menschen, die unter anderem auch den Film sehen (die also meistens Laien in dieser Hinsicht sind), finden sich wieder bestätigt, dass in einer Fantasy-Welt eben auch entsprechende Kräfte vorherrschen. Dabei übersehen sie aber, dass die Palantíre, Galadriels Spiegel oder der Ring als Mittelpunkt der Erzählung nachhaltige Auswirkungen auf ein entsprechend spirituelles Leben haben können, als der ‚Märchencharakter‘ es uns zunächst suggerieren will.

Voenix: Die anfangs von dir beschriebene Problematik ist ja nicht neu, und das zwiespältige Thema „Magie“ wird wohl auch weiterhin ein gesellschaftliches Steckenpferd bleiben, um das man sich in vielfacher Hinsicht streiten kann, da sich unter diesem Begriff hervorragend alles Unverständige zusammenfassen lässt. Akron hat erst kürzlich in der Zeitung connection ein schönes Statement zu diesem Thema abgegeben. Dabei kreidet er vor allem die völlig verzerrte Darstellung der Filmemacher an, die uns hierdurch ein Bild von Magie zu vermitteln suchen, das zwar im Kino tolle Effekte erzielt, den Mensch aber von seiner eigenen Magie immer weiter entfremdet, weil wir sie nur noch als etwas nach Außen projiziertes erfahren und nicht mehr als lebendigen Bestandteil unseres spirituellen Lebens.
Es stimmt schon, dass Tolkien mit diesem Thema an vielen Stellen sehr viel sensibler umging, denn obgleich seine Charaktere recht einfach als Gut oder Böse zu kategorisieren sind, verlangt doch die Beschäftigung mit den von dir genannten magischen Gegenständen einen stark entwickelten Willen und eine gereifte Persönlichkeit. Keiner der wirklich weisen Gestalten von Mittelerde will den Ring an sich nehmen, da sie alle bereits erkannt haben, dass das vermeintlich Böse stets auch ein Teil von einem selbst ist, das z.B. durch den Ring in einem geweckt würde. Das zeigt sehr wohl, dass Tolkien, zumindest theoretisch, einige Themen und Grundsätze des Okkulten vertraut waren und er wusste, über was er schrieb.

[08] – Mich verunsichert bei jeglicher Mythologie die Namenvielfalt, da ich als Dichter eine Vorliebe für die Beschreibung gewisser Vorgänge und Charaktere habe, die immer wieder von neuem ex nihilo erscheinen. Es ist mir jedoch klar, dass bei einer langwierigen Auseinandersetzung mit den Namen und ihren Verbindungen untereinander das sich ewige Fortspinnende zu Tage tritt; das allgemeine Prinzip, das im jeweils individuellen Teil der Mythenwelt seinen Platz einnimmt.
Tolkien überrascht uns mit einer Vielzahl von Sprachen, Plätzen, Legenden und noch vielem mehr. Leicht verliert man da den Überblick. Andererseits ermutigt es uns auch zur ausgiebigen Recherche und nach und nach eröffnen sich uns zuvor unbekannte Sichtweisen.
Du ziehst oft die Parallelen zwischen Tolkiens Erfindungsgabe und etymologischen Herleitungen, wobei mir die Verbindungen nicht immer klar zu sein scheinen, ob von Tolkien auch so beabsichtigt (z.B. verwehrte er sich in einem Brief gegen die griechische Abstammung des Namens für Sauron, also von sauros für Echse).
Was meinst Du denn generell zum ‚Bezeichnungswahn‘, dem ja scheinbar die Ents widersprechen? Vergleiche hierzu Dein Zitat auf S. 141: “Mein Name wächst mit der Zeit, und weil ich schon ziemlich lange lebe, ist mein Name eine ganze Geschichte.” (Äußerung Baumbarts im 4. Kapitel des 3. Buches)

Voenix: Zunächst muss man einmal ganz klar festhalten, dass jemand, der wie Tolkien einen solch gewaltigen Roman zu Papiere bringt, dies nicht ohne ein enormes Künstler-Ego vollbringen kann. Dieses offenbart sich meist in einem ungeheuren Schöpfungsdrang, das seinen Inhaber regelrecht „zwingt“, ein solch umfangreiches Werk überhaupt erst angehen zu müssen (und ich weiß, wovon ich rede), denn auf eine subtile Art erdreistet sich das Ego ja auch, den zukünftigen Leser auf diese Weise in die eigene Schöpfung hineinzwängen zu wollen. Zwar ernten solche Bemühungen bei vielen Zeitgenossen oft nicht mehr als ein müdes Lächeln, doch wird das Werk schließlich entdeckt, kann sich die gebündelte und zwischen zwei Buchdeckel gepresste Energie oft schneller drehen, als dies ihrem Schöpfer anfänglich bewusst oder lieb ist (wie jüngst wieder der Autorin von Harry Potter passiert). Nun zum Kult erhoben, wird es quasi zur Pflicht, jedes auch noch so kleinste Detail des Werkes und seiner Hintergründe ausfindig machen zu wollen, selbst jene, die sich der Autor mal so eben nebenbei zwischen Morgentoilette und Frühstück ausgedacht haben mag. Doch von solch banalen Dingen, die sein „goldenes Kalb“ beschmutzen könnten, will der „echte“ Fan zumeist nicht viel wissen.
Und um auf Baumbarts Ausspruch einzugehen, gefällt mir hierbei vor allem die Schlichtheit seines gewachsenen Charakters, der unmissverständlich aufzeigt, dass jegliches Wort zur Beschreibung seines Daseins unzureichend wäre. Damit verkörpert er vor allem das, was man mit „gelebtem Wissen“ umschreiben kann, also eine Form von Reife, die nicht durch das Anlesen von theoretischen Erkenntnissen oder dem Austausch von Gedanken und Worten, sondern nur durch das Leben selbst gewonnen werden kann. So kann man von einem Baum z.B. viel über den zyklischen Ablauf des Stirb- und Werde-Prinzips erfahren, der sich bei diesem Jahr um Jahr aufs Neue vollzieht. Von einem alten Baum aus betrachtet, muss einem das ständige Gewusel von uns Menschen wohl schon etwas seltsam anmuten.

[09] – Du selbst kommst in Deinem Schaffen aus einer Ecke, in der der Umgang mit überwältigenden und intuitiv-assoziativen (so will ich es mal für diesen Kontext nennen) Gedankengängen selbstverständlich ist. Du meinst im Vorwort, dass Du selbst ein Mensch bist, “der an den Dingen hinter den Dingen interessiert ist, doch ist mir bewusst, wie schwer es ist, einem anderen folgen zu können, dessen ‚Realitätstunnel‘ ein völlig anderer wie der eigene ist.” (S. 9) Dies impliziert ein Bewusstsein über die Schwierigkeiten, anderen Menschen ein Denken und vor allem Fühlen nahezulegen, das sich jenseits absolutistischer Säulen frei hin und her bewegt. Man kann zwar besonders im subkulturellen, künstlerischen Bereich viele Zeichen eines Neuaufbruchs wahrnehmen, doch gibt es wohl keine verletzendere Geste als ein spöttisches Lächeln über die Hirngespinste eines kreativen Menschen, der sich schamanengleich in Grenzbereiche vorwagt, die aufgrund ihrer Zwielichtigkeit von anderen gemieden werden.
Verstehst Du, was ich meine? Mein jüngerer Bruder umschrieb es mit folgenden Worten: “Weißt du, Dominik, ich mag den Herrn der Ringe einfach.” – Ist solch uranfängliches Vertrauen noch möglich in unserer versymbolisierten und technisierten Welt?

Voenix: Ich denke die Aussage deines Bruders beschreibt in ihrer direkten Einfachheit genau das, was die Genialität des HdR ausmacht. Tolkien hat hier die einmalige Alchemie vollbracht, die vielleicht wesentlichsten Dinge des menschlichen Seins in einem einzigen Werk zusammenzufassen. Es ist ein Buch, dem etwas Erhabenes nachweht, denn man kann es mit zehn, mit zwanzig oder auch mit vierzig Jahren nochmals lesen, man wird in jedem Fall immer etwas neues dabei mitnehmen, weil man selbst nie der selbe ist. Etwas ähnliches ist im Laufe der Jahrzehnte den beiden Machern der Asterix-Comics gelungen. Ob groß oder klein, die Alben verstehen es alle Generationen zu erheitern, denn gleichwohl man erst in späteren Jahren den feinen Witz der Geschichten zu würdigen weiß, bleibt Obelix doch immer der einfache Hinkelsteinlieferant, der schon aufpasst, dass das Leben nie wirklich zu kompliziert wird. Etwas ähnliches verkörpern Bilbo Beutlin und Sam Gamdschie, deren Identifikationsgehalt wohl am offensichtlichsten wird. Tolkiens Nähe zum „einfachen“ Menschen kommt in fast allen seinen Geschichten zum Tragen, und wenn er wie im HdR seine Szenarien in große Königshallen verlegt, wo die wichtigen Entscheidungen getroffen werden, sehen wir sie immer aus der Brille eines Hobbits, dem neugierigen, kindlichen Erwachsenen. Weiter hat sich Tolkien nie gescheut, auch Märchenmotive zu verwenden, wie sie selbst die Kleinsten schon zu begeistern wissen. Vielleicht ist das eine Antwort auf dein angeführtes „blindes Vertrauen“. Das Vertrauen eines kindlichen oder nennen wir es mal jung gebliebenen Gemüts, das nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen erspürt, das diese Geschichte von einem ersonnen wurde, der ebenfalls mit ganzem Herzen dabei war.

[10] – Mittlerweile wäre es jetzt vielleicht an der Zeit, unserer beider Faszination auf den Grund zu gehen. Beide sind wir in Kindheitstagen mit der unglaublich vielgesichtigen Mittelerde-Welt in Kontakt gekommen. Sie bietet ja eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration und Du hast das sehr schön ausgedrückt, wenn ich Dich hier nochmals zitieren darf: “Dieses intensive Studium über die Herkunft der Wörter, verbunden mit der Beschäftigung der Mythen unserer Vorfahren, ließ Tolkien unweigerlich in jene Quelle menschlicher Imagination eintauchen, deren inspirativer Fluss seit Jahrtausenden alle künstlerischen wie schöpferischen Menschen speist, die ihrerseits diesen Strom mit der Kraft ihrer eigenen Phantasie beständig weiternähren.” (S. 13)
Mir scheint, dass Mythologien ihren größten Reiz aus der Möglichkeit beziehen, in ihrem Rahmen – der durch die archetypischen Figuren und deren Konste1llationen vorgegeben ist – eigene Geschichte zu reflektieren und vor allem schließlich selbst neu zu gestalten.
In Deinem Buch gehst Du neben der germanischen und nordischen Mythologie aber auch noch auf andere Kulturkreise ein; wie siehst Du die heutige sogenannte ‚postmoderne‘ patchwork identity an, die sich je nach Tagesfaçon in einem anderen Fundus einkleidet? Ist dies ein beziehungsloser Relativismus?

Voenix: Was deine Vermutung bezüglich der reizvollen Möglichkeiten einer vorgegebenen Mythologie angeht, gebe ich dir vollkommen recht. Während die Fantasy noch sämtliche Gedankensprünge, sofern sie in einen nachvollziehbaren Kontext gestellt werden, erlaubt, gibt mir eine gewachsene Mythologie die Möglichkeit, auf ein bereits bestehendes und allgemein anerkanntes Universum zurückgreifen zu können. Als ich noch jünger war, dachte ich mir selbst ständig irgendwelche Dinge aus, weil ich glaubte, auch etwas völlig Neues und nie da Gewesenes hervorbringen zu müssen. Irgendwann merkte ich dann, dass man, selbst bei allem Bemühen, das Rad nicht mehr neu erfinden kann. Doch wozu auch? Warum ständig zwanghaft neues hinzuerfinden, anstatt erst mal dem Vergangenen etwas von der Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, das es zweifelsohne verdient hat, bzw. wert ist, aufgegriffen und weitergegeben zu werden? Schließlich läuft die ganze Evolution nach diesem Schema ab und den Anspruch, etwas völlig Neues und Eigenständiges zu erschaffen, halte ich heute für ziemlich überholt. Gerade in der Musikbranche ist gut zu beobachten, dass da vielen nichts Neues mehr einfällt, und stattdessen voneinander geklaut wird, was das Zeugs hält. Mein von mir kreiertes germanisches Götterorakel z.B. baut ja auch auf dem überlieferten Weltbild unserer Vorfahren auf und so sehe ich mich heute eher als eine Art Wort- und Bilderschmied, der spielerisch alte Sagengestalten modelliert, um sie dann in einen neuzeitlichen Rahmen zu gießen.
Zum Begriff der ‚postmodernen‘ patchwork identity ließe sich vieles sagen. Ich habe mich schon des öfteren gefragt, auf welche Formen von Mythologien die Menschen wohl in den kommenden Jahrhunderten zurückblicken werden? Oder anders gefragt, ist die Fantasy von heute die moderne Mythologie von morgen, und wird dieser dann noch eine ähnliche Bedeutung zukommen? Das griechische Wort „mythisch“ bedeutet in etwa „sagenhaft, phantastisch“, und bezeichnet damit all jenes, was sich weder historisch noch sonstwie belegen lässt, sich aber dennoch über lange Zeiten hinweg hartnäckig dem Vergessen widersetzt und die Gedanken und Phantasien nachstehender Generationen auch weiterhin zu beflügeln weiß. Ich kann mir eher vorstellen, dass sich das World-Wide-Web immer weiter als zentrale Infothek etablieren wird, wo du dann sämtliche vorhandenen Daten beständig abrufen kannst. Dort findest du dann die Gottheit einer einstigen Kultur direkt neben einer Comicfigur wie Supermann. Insofern wird es wohl eher darauf hinauslaufen, wie es die ständig wachsende Informationsflut ohnehin kaum noch anders zulässt. Man holt sich die Infos, die einen interessieren und zieht sich das heraus, was man benötigt. Ich selbst wage mal die Prognose, dass dabei vor allem die in sich geschlossene Vollständigkeit der Mythen und Sagen auf der Strecke bleiben wird, den ein herausgebrochener Stein, verrät nicht mehr viel von dem einstigen Gebäude, dessen Teil er einmal war.

[11] – Ich denke, es wäre nun ein schöner Zeitpunkt zur Verabschiedung. Sollte Dir noch etwas auf dem Herzen liegen, das ich in meinem Teil des Gesprächs leider ausgelassen habe, dann hast Du nun noch die Option, es loszuwerden. Oder schweige für immer, ha, ha!
Wie nahe ging beziehungsweise geht Dir das Thema immer noch? Diese Frage stelle ich Dir unter anderem, weil Du vorab in Deinem Buch speziell eine ‚Adresse an die Tolkienophilen, Puristen und fanatischen Pedanten‘ gerichtet hast. Wir wagten uns ja jetzt auch ein wenig weiter vor und manchmal stellt sich ein freifliegender Schreiberling schon die Frage, wie fest und dogmatisch ein Textkorpus werden kann. Dies ist ein Grund meines endlosen Staunens über die Literatur und einer nie abbrechenden Schaffensfreude, sich wiederholt mit einem roten Faden auseinanderzusetzen, dessen Knäuel sich gerade zur Entwirrung anbieten. Auch bei Dir zeichnet sich in den bisherigen Veröffentlichungen und Projekten eine gewisse Konstanz ab....

Voenix: Wie gesagt, die Welt der Mythen hat bereits in frühen Jahren zu mir gefunden und bis jetzt verspüre ich noch keinerlei Drang, warum sich daran etwas ändern sollte. Der Gedanke, durch das Erforschen von Mythen und Archetypen auch weiterhin in die menschliche Psyche vorzustoßen, deren Mechanismen sich, trotz der drastischer Veränderung im Außen, die letzten paar Tausend Jahre kaum wesentlich geändert haben dürften, fasziniert mich nach wie vor.
Mein Aufruf an jene Tolkienophilen, Puristen und fanatischen Pedanten ist wiederum ein Appell an die Toleranz, mit dem ich mich vorab etwas gegen mögliche „Anfeindungen“ aus der harten Tolkien-Fangemeinde schützen möchte. Zum einen, weil meine Kenntnisse von Tolkiens Welt nun einmal nicht bis ins letzte Detail gehen und zum anderen, weil meine Interpretationen hinsichtlich seiner Figuren vielleicht nicht immer Zustimmung finden werden. Du hast das Thema ja vorher schon mal an dem Namen „Sauron“ aufgegriffen. Ich habe gerade diesen Brief, wo sich Tolkien angeblich gegen eine Ableitung des Namens von dem griechischen Wort „Echse“ verwehrt, nie gelesen. So etwas stört mich aber auch nicht, denn wenn ich die Sprachwurzel eines Wortes untersuche und dessen Ergebnis bekannt gebe, erhebe ich damit ja nicht automatisch den Anspruch, das der „Altmeister“ damals genauso vorgegangen ist. Du siehst, wenn man im Nachhinein etwas über ein zum Kult erhobenes Werk verfasst, begibt man sich sehr schnell auf ein Tretmienenfeld, das zu einem großen Teil von jener Sorte von Hardcore-Fan angelegt wurde, die schon Tolkien zu dessen Lebzeiten mit ihrer Penetranz zu nerven wussten. Fans sind etwas wunderbares und für einen Künstler/Autor auch sehr wichtig, aber wenn die Begeisterung irgendwann Mittel zum Selbstzweck wird, gehe ich persönlich lieber auf Abstand.