Artikel von Voenix zu "Im Liebeshayn der Freyja" in Der Golem Beltain 2003

Im Liebeshain der Freyja

"Der Golem" Ausgabe Nr.12 Beltain 2003 (Jahrgang 4.)

Dieser Artikel bildet die Einleitung aus dem Buch „Im Liebeshain der Freyja“, das sich nachfolgend aus sechs Erzählungen über die germanische Liebesgöttin zusammensetzt. In diesen verbinden sich die Bruchstücke einzelner Lieder aus der Edda zu lustvollen Begebenheiten, in denen die junge Freyja zunächst eine Initiationsreise zu bestehen hat. In deren Verlauf erhält sie ihre natürlichen Machtattribute, den leuchtenden Halsschmuck Brisingamen, ein Falkengewand und ihr flinkes Reittier, das Schwein Hildeswin. Später wandelt sie auch unter den Menschen, unter die sie Heilung, sexuelle Lust und die Liebe zum Leben trägt.

Im Liebeshain der Freyja: „Neue Geschichten um die Göttin der Liebe“
ist 2002 im Arun-Verlag erschienen.
256 Seiten, mit 30 s/w Abb. versehen
Broschur: Euro 15,50 ISBN 3-935581-20-3

Im Liebeshain der Freyja

von Voenix

Wer sich auf die Spuren der Göttin Freyja begibt, wird schon bald enttäuscht feststellen müssen, dass nur sehr wenige Quellen über sie existieren. Man wird vermutlich irgendwann das ein oder andere Buch über germanische Mythologie in seinen Händen halten und neugierig die mit ihrem Namen versehenen Seiten studieren, um darauf mühsam all die spärlichen Bruchstücke und Berichte zusammenzutragen, die fast ausschließlich auf wenigen Zeilen der Edda beruhen - einer Sammlung altnordischer Götter- und Heldenlieder, die zwischen dem 8. Und 12. Jh. n.Chr. vorwiegend in Norwegen und Island entstanden. In unseren Breitengraden begegnet uns Freyja in einigen Orts- und Landschaftsnamen und vermutlicher Weise auch in dem uns überlieferten Zweiten Merseburger Zauberspruch, einer althochdeutschen Handschrift aus dem 10. Jh., worin sich ein kleiner schriftlicher Hinweis auf ihre Existenz finden lässt.
Da Freyja sich nicht nur in der Neo-Heidenszene einer immer größer werdenden Beliebtheit erfreuen darf, scheint die Zeit gekommen, sich mit dem archetypischen Wesen diese außergewöhnlichen Göttin etwas genauer zu befassen, um so ihre, über so viele Jahrhunderte hinweg unterdrückte, Botschaft wieder etwas ins Licht zu heben. “Botschaft” mag sich nun mancher Zweifler verwundert fragen? Ja gewiss, Botschaft, denn Freyja ist die Göttin der Liebe, der griechischen Aphrodite oder römischen Venus vergleichbar, deren Aufgaben ebenfalls darin bestanden, die Liebe unter Göttern und Menschen zu entfachen! In Freyjas Fall darf hierbei die inzestuöse Liebe nicht unerwähnt bleiben, gleichwohl deren Ausübung und Verbreitung von der Gesellschaft nach wie vor gerne totgeschwiegen werden. Tatsache ist nun aber, das die Liebe/Heirat von Blutsverwandten, vor allem unter Geschwistern, bei vielen alten Naturvölkern nicht nur erlaubt, sondern anscheinend Gang und gebe war.
In den Mythen um Avalon z.B. hat sich noch ein Teil dieses alten Brauchtums erhalten. Dort ist es die Fee und Zauberin Morgan La Fey (auch Morgain oder Morgana), die mit ihrem eigenen Bruder die heilige Hochzeit von Göttin und Gehörntem Gott vollzieht (nach neuerer christlicher Version verführt sie ihn), einem urheidnischen Ritus, der von der immer stärker werdenden Kirche aufs heftigste bekämpft, pervertiert und schließlich für eine Zeit sogar verboten wurde. Diese etwas seltsam anmutende, für einige vielleicht sogar abschreckende Vorstellung der körperlichen Liebe zwischen Geschwistern, weist auf älteste matriarchalische (mutterrechtliche) Verhältnisse hin, wo es zumeist die Frauen waren, die sich ihre Sexualpartner aktiv aussuchten - einer Sitte, die noch bis in die Neuzeit bei einigen indianischen Völkern zu finden ist (und wenn wir ehrlich sind, hat sich bis heute daran auch bei uns nicht viel verändert J)
Doch zurück zu den vielfältigen Varianten der Liebe. Nach dem Inzest folgt in nicht allzu großem Abstand die gleichgeschlechtliche Liebe, wie sie uns schon aus der hohen Kultur der Hellenen überliefert ist, die den körperlichen Freuden ja auch mit mehreren Partnern ausgiebig in Form von Orgien gefrönt haben sollen. Nicht zuletzt sei die sadomasochistische Liebe erwähnt, die ja nun auch keine Erfindung der Neuzeit ist. “Freyja” ist der altnordische Titel für “Frau” ebenso aber auch für “Herrin”, was im lateinischen als “Domina” von “dominant” (vorherrschen) abgeleitet wurde. Diese in unsere Tagen wieder sehr gebräuchliche Bezeichnung, steht vor allem für die unnahbare Erotik einer starken und selbstbewussten Frau, die meist sehr genau weiß, was sie will und dementsprechend den Ton angibt.
Der Tatsache, dass das meiste Wissen über diese wichtige Göttin schon vor langer Zeit verloren ging, liegt vor allem zugrunde, dass unsere Vorfahren so gut wie keine schriftlichen Zeugnisse hinterließen. Erst das aufkommende Christentum begann damit, einzelne Begebenheiten oder Lieder in Form von Pergamenten, später auch Büchern, schriftlich festzuhalten, und gleichwohl wir ohne diesen Umstand möglicherweise auf keinerlei Überlieferungen zurückblicken könnten, ist unbestritten, dass keine andere weibliche Gottheit von den christlichen Schreibzensoren auf radikalere Weise beschnitten und diffamiert wurde als Freyja. Allein dem Verdienst einiger Skalden und Poeten ist es zu verdanken, dass sich wenigstens einige der ihr gewidmeten Verse bis heute erhalten haben. Diese uns bekannten Dinge seien im Folgenden nun in Kürze zusammengefasst:

Freyjas Herkunft und mythische Motive

Freyja ist die Zwillingsschwester des Gottes Freyr/Ing und die Tochter des obersten Wanengottes Njörd, der die beiden mit seiner Schwester und Gemahlin Nerthus (andere meinen mit der Wintergöttin Skadi) zeugte. Der Sitz der Göttin im Götterhimmel nennt sich „Folkwang” (Feld des Volkes), ihr Saal darinnen “Sessrumnir” (der Sitzreiche). Der Name “Freyja” leitet sich von der höchsten, wahrscheinlich sogar ältesten gemeingermanischen Göttin “Frija” ab, der einstigen Gattin des Himmelsgottes Tiuz (Tyr), der später durch Odin/Wodan abgelöst wurde. Darauf spaltete sich die alte Himmelsgöttin in die beiden Göttinnen Frigg und Freyja auf, aus denen später nochmals die eigenständige Totengöttin Hel hervortrat. Interessanterweise entspricht diese Göttinnen-Triade auch dem Dreier-Aspekt der „Großen Göttin“, dem wir ebenfalls in dem ewigen Zeitprinzip der drei Nornen begegnen (Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft). Freyja, als die junge noch „freie“ oder zu „freiende“ Frau und Geliebte, Frigg, als weise waltende Muttergöttin und schließlich die Unterweltgöttin Hel, die für das Alter, den Abschied und den Tod steht.
Während Frigg sich nun immer mehr zur häuslichen Herrscherin entwickelte, verkörperte Freyja weiterhin die älteren Anteile jener Kultur, die von dem Geschlecht der Wanen vertreten wurde. Die Wanen, die zuweilen auch als “Seegötter” bezeichnet werden, scheinen somit noch vor den Kelten existiert zu haben. Möglicherweise sind sie mit diesen aber auch identisch, da einige keltische Mythen erstaunliche Parallelen zu den wenigen “germanischen” Fragmenten enthalten.
Aus der Prosaedda erfahren wir, dass Freyja nach der Himmelsgöttin Frigg als die vornehmste gilt und einem Mann mit Namen Odhr (auch Od, Odr, Odur) vermählt ist. Deren gemeinsame Tochter ist Hnoss, die als so schön beschrieben wird, dass nach ihrem Namen alles benannt ist, was schön und kostbar ist. Doch Odhr, der etymologisch auf Odh-inn verweist, verließ Freyja und zog in weite Ferne, worauf die Göttin goldene Tränen um ihn weinte. Der Name “Odh-r” bedeutet nichts anderes als “Ekstase”, der gleichen Silbe wie wir ihr in dem inspirierenden Ekstasemet “Odr-örir” begegnen - einem geistanregenden magischen Göttertrank, den Odin einst einem diebischen Riesen entwendete, der diesen tief unter der Erde versteckt hielt. Die Suche der wanischen Liebesgöttin nach ihrem verschwundenen Gemahl wurde auch schon mit dem alten Mythos der arkadischen Göttin Ishtar verglichen, die sich auf die Suche nach ihrem Geliebten Tammuz begibt, der zur Sommerwende in die Unterwelt hinabfährt und gleichfalls die Lebens- und Todeszyklen der Natur veranschaulicht.
Der Göttin wichtigstes und bekanntestes Attribut ist das Halsgeschmeide Brisingamen, das zuweilen (da beide letztlich ja identisch) ebenfalls im Besitz der Göttermutter Frigg auftaucht. Das Schmuck eines der ältesten Lockmittel ist, mit dem vor allem das weibliche Geschlecht Aufmerksamkeit zu erregen sucht, dürfte allgemeinhin bekannt sein. Nahm diese Anziehung jedoch ein nicht mehr nachvollziehbares, „überirdisches“ Maß an, bezichtigte man solche Frauen gerne als Hexen, die ihre Macht schwarzmagischen Künsten verdankten, deren Sitz nicht selten in magischen Amuletten oder Kraftgürteln vermutet wurde. Auf naturmythologischer Ebene existieren für dieses magische Halsband bereits verschiedene Erklärungsversuche. So sollen die “Brisingar” (altnord. Flammen) die Strahlen des schillernden Nordlichtes sein, welche die reisenden Seelen der auf dem Schlachtfeld Gefallenen darstellen oder diesen hierdurch gar den Weg zu Odins Kriegerhalle Walhall weisen. An einer Stelle wird Freyja auch als oberste der Walküren (Ehrwählerin der Toten) erwähnt, jenen kämpfenden Frauen, welche die gefallenen Helden nach der Schlacht ins Totenreich trugen. Während die Walküren jedoch gewöhnlich über ein Schwanenkleid verfügen, besitzt die Göttin ein Gewand aus Falkenfedern, das ihr die “schamanische Kraft des Fliegens” verleiht. Und wenn sich Freyja mit Odin die toten Krieger teilt, so verweist dies einmal mehr auf ihre Rangstellung als einstige Gattin (Frija) des Göttervaters (s.o.).
Einem anderen Mythos begegnen wir in der eddischen Völuspa, in der von einer Göttin Namens Gullveig die Rede ist, die in mehrfacher Hinsicht auf Freyja schließen lässt – diese kommt als Goldgeschmückte zu den Asen, die jedoch mit Speeren auf sie eindringen und sie zu verbrennen suchen. Als sie diese Marter überlebt, gilt sie fortan als eine Völva (Seherin) und wird mit dem Namen Heidh bedacht. Da die Bezeichnung “heidh” vom altnordischen “heidr” kommt, was soviel wie “Ruhm”, (adj. “hell, strahlend”) bedeutet, lässt sich dies auch vortrefflich mit ihrer Funktion als Halsbandgeschmückte vereinen. Nach dieser Tat soll der erste große Krieg zwischen Asen und Wanen ausgebrochen sein. Weiter heißt es: Heidh war ein weises Weib, das Künste wusste, um Kluge wie Toren zu behexen. Stets war sie Lust allen widrigen Weibern, die sie ehrten.
In den schon vielfach zitierten Zankreden Lokis, in deren Verlauf dieser fast der gesamten Göttersippe ihre Verfehlungen vorhält, wird Freyja von Loki der immerwährenden Lüsternheit beschuldigt. Sie darauf in Schutz nehmend, erwidert ihr Vater Njörd dem Lästermaul:

“Die Schöngeschmückten, das schadet nicht,
wählen Männer wie sie mögen.”

Ein Kernmittel der grausamen Hexenverfolgungen war stets die ungebundene Sexualität der fre(y)en Frauen, die selbst entschieden, mit wem sie gedachten sich einzulassen, und so ist auch nicht schwer zu erraten, was mit “widrigen Weibern” gemeint ist. Somit wart Freyja als “Heidh und Wanadis” zum magischen Archetypen aller selbständigen Frauen erhoben, die auf irgendeine Weise zauberischen Praktiken nachgingen und sich von einer heuchlerischen Gesellschaft ihre Art zu leben nicht vorschreiben lassen wollten. Zur Bestattung des Gottes Balders kommt Freyja mit einem Katzengespann vorgefahren, Tieren, die seit jeher als freiheitsliebend gelten und selbst bestimmen, wem sie sich anvertrauen.
Man nannte Freyja auch “seid-berendr”, die Seid-Gebärende. Über diese Art von wanischem Zauber, der allgemein als “Seidkunst” verstanden wurde, existieren ebenfalls nur sehr wenige Hinweise, doch liegt auf der Hand, dass es sich dabei vor allem um schamanische Praktiken handelte, wie sie seit Jahrtausenden in allen Stammeskulturen praktiziert wurden und teilweise noch immer werden. Das altnordische Wort „Seid(r)“, was im deutschen als “Sudkunst” bezeichnet werden kann, bezieht sich vor allem auf das Brauen von Kräutersuden, rauschfördernden Getränken und anderen zauberischen Elixieren. Man gedenke nur des archetypischen Bildes der meist bösen Hexe, die in ihrer Giftküche hämisch kichernd einen brodelnden Kessel rührt. Dass ein nicht unwesentlicher Teil dieser Seidkunst auch aus “Scheid(en)kunst” bestand, ist unbestreitbar. So geht z.B das Wort “Völva” etymologisch mit dem lateinischen “vulva” (der weiblichen Scham) zusammen, während “volva” die Gebärmutter der Sau bezeichnete, aus der man gerne die Zukunft las. Und selbst in der Edda finden sich noch versteckte Hinweise auf verschiedene alte Formen von Sexualmagie, in deren Verlauf Frauen, als Vertreterinnen der Großen Göttin, männliche Initiandten in die Geheimnisse der Urmysterien einweihten - dass der weibliche Schoß hier sehr wohl als kochender Kessel verstanden werden darf, in dessen Inneren die lebensspendenden Sekrete und Körpersäfte zunächst entsprechend „sieden“ müssen, bis sie ihre ganze ekstatische und Visionen fördernde Kraft entfalten können, dürfte einleuchten. Dieser ewig brodelnde Kessel der Göttin spielt auch in den schon erwähnten keltischen Mythen eine große Rolle, aus dem in christlichen Zeit schließlich der sagenhafte und geheimnisumwitterte Gral hervorging.
Einer von Freyjas Namen lautet auch Syr (Sau), einem Aspekt der “großen Muttersau”, der sich möglicherweise in ihrem Reittier Hildeswin (Hildes Eber) wiederfindet - einem gewaltigen Schwein, das ursprünglich wohl eher weiblich gewesen sein mag, bedenkt man, dass ihr Bruder Freyr den Eber Gullinbursti reitet. Von “Hildeswin” ist es auch nur ein kleiner Sprung zu der magischen Muttersau “Henwen” (alte Weiße), von der eine alte walisische Überlieferung berichtet. Nach einer (schon christlich gefärbten) Prophezeiung, sollte Henwens Schoß (ihrer volva) großes Unheil für Britannien entwachsen, weshalb König Artus das riesige Schwein durchs ganze Land verfolgte, hierdurch aber genau das erreichte, was er eigentlich verhindern wollte. Schon im frühen Mittelalter degenerierte die sich “im Schlamme suhlende Kreatur” zum Schimpfwort (du alte Sau!) und zu den Hochzeiten des Klerus galt der weibliche Schoß nicht selten als Brutstätte allen Unheils und irdischer Laster, der den nach wahrer Geistlickeit Strebenden in ständige Versuchung führte. (ja,ja...ist halt schon ein Kreuz mit den Trieben J)
Zählt man nun die aufgeführten Punkte zusammen, lässt sich leicht nachvollziehen, warum die um Keuschheit bemühten Vertreter der Kirche alles daran setzten, den Kult der lustfrohen Göttin zu zerstören oder zumindest dort, wo dies nicht gelang, alle mit ihr im Zusammenhang stehenden Geschichten, Attribute und Lieder in den Schmutz zu ziehen versuchten.
Abschließend lässt sich sagen, dass wir mit Freyja einer Göttin gegenüberstehen, die in sich alle wichtigen Merkmale und Eigenschaften vereint, die auch heute wieder von einer ganzen Reihe starker selbstbestimmender Frauen ersehnt und angestrebt werden. Sich als Mann dem Wesen einer Liebesgöttin zu nähern, ist in jedem Falle eine spannende Sache, geht es dabei doch auch um das „Entwickeln der inneren Göttin”, deren leibhaftigen Vertreterinnen es im realen Leben immer wieder verstehen, unserem Geschlecht die Sinne zu verdrehen (und wir danken ihr dafür! J). Denn um das Wesen und Wirken von Göttern verständlicher zu machen, muss man sie menschlich werden lassen und nicht in unerreichbare Höhen entrücken, von wo sie aus unangreifbar auf einen herabblicken. Das taten unsere Vorfahren, denn so sehr sie sich in Ehrfurcht und Demut ihren Launen unterworfen sahen, so sehr konnten sie doch auch über ihre Götter lachen, die ebenso wie sie kämpften, litten und dem Freuden der Leiblichkeit entsprachen. Den Mythos somit als eine Allegorie auf die physische und geistige Wirklichkeit von und Menschen zu begreifen, um darin die eigenen Ängste, Nöte, Träume und Sehnsüchte vorzufinden, das ist und sollte ein erstrebenswertes Ziel sein – nicht mehr und nicht weniger.

In diesem Sinne, freut euch auf den Frühling!

Voenix