Interview in AHA - Vision & Voice des neuen Äons Ausgabe 03/2000

Dantes Inferno - Interview mit Voenix (Teil 1)

Mit seinem mittlerweile zum Kultstatus erhobenen Orakelbuch "Baphomet"-Tarot der Unterwelt, beansprucht der Magierphilosph Akron seit Jahren einen festen Platz in der Bibliothek eines jeden ernsthaft suchenden Okkultisten. Im Herbst kommt nun sein neues Buch mit dem Titel: “Dantes Inferno" auf den Markt, das er nach seinen eigenen Worten, als sein bisher tiefgründigstes und wichtigstes Werk ansieht. Literatur vom feinsten, die den Leser auf vielschichtigste Weise in die menschlichen Abgründe hinab führt. Parallel dazu erscheint der erste von acht Comicalben mit dem gleichnamigen Titel. Wir trafen uns mit dem Künstler Voenix, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, "Dantes Inferno" in Form eines Philosophischen Comics umzusetzen.

AHA: Zunächst einmal die Frage für unsere Leser, um was geht es eigentlich bei Dantes Inferno?
Voenix: Akron folgt in seiner "Göttlichen Komödie" dem Weg Dante Alighieris in die Unterwelt, dessen literarisches Lebenswerk seinerzeit ein kolossales Bild entwarf, in dem sich das Wissen, Fühlen und Denken des europäischen Mittelalters reflektiert. Lokal- und Zeitgeschichte stehen neben Gedanken zur Mythologie, Philosophie, Psychologie und Theologie. Aus heutiger Sichtweise unternimmt Akron diese Reise in die menschlichen Abgründe, wobei er sich des weitverbreiteten Modells der Astrologie bedient und dieses bizarre Schauspiel zu einem okkulten Sachbuch-Roman verdichtet. Jede Hölle wird einer astrologischen Konstellation zugeordnet (z.B. Sonne im Fisch, Mond im Fisch, Merkur im Fisch, usw.), die zusätzlich mit einem ausführlichen Registerverzeichnis versehen ist (Sünder:, Disposition:, Schuld:, Strafe:, Lösung:). Also eine äußerst komplexe Angelegenheit, genauso vielschichtig wie die menschliche Seele selbst!

AHA : Das hört sich ja sehr spannend an!
Voenix: Ist es auch, vor allem wenn man die Umstände bedenkt, die mich und Akron für dieses Projekt zusammengeführt haben!

AHA : Schieß los!
Voenix: Ich las Akrons Bücher schon einige Jahre, bevor ich ihn kennenlernte und war von der Komplexität seiner Sprache und Schattenanalyse schwer begeistert. Du kannst Dir vorstellen, dass mir schier der Telefonhörer aus der Hand fiel, als er mich im Herbst 1995 anrief, um nachzufragen, ob ich bereit wäre, die Illustrationen für sein neues Buch anzufertigen. Er hatte Arbeiten von mir bei einem Verlag gesehen, und ich schien ihm nun der Richtige für dieses Projekt. Für mich wog dieser Anruf doppelt schwer, da ich zwei Wochen vorher von ihm geträumt hatte,... und das, ohne ihn je zuvor getroffen zu haben. Das einzige war eine kleine Fotografie auf der Rückseite des "Baphomet", in den ich aber schon längere Zeit nicht mehr hinein geschaut hatte.

AHA: Du hast vorher von ihm geträumt? Hast Du ihm das am Telefon dann erzählt?
Voenix: Klar! Nach einer kurzen Denkpause, in der er wohl überlegte, ob ich ihn auf den Arm nahm, wollte er dann wissen, was ich denn geträumt hätte. Das hat ihm wohl die Richtigkeit seiner getroffenen Entscheidung bestätigt und er lud mich ein, ihn doch umgehend besuchen zu kommen. Drei Tage später saß ich dann vor ihm und ein Traum, dem ich zuvor keinerlei Bedeutung zugemessen hatte, war Realität geworden!

AHA: Du hast ebenso sein Buch komplett illustriert. Hattest Du nicht Bedenken, gegen so eine Größe wie H.R.Giger zu bestehen, mit dem Akron ja zuvor zusammengearbeitet hat?
Voenix: Sicherlich und ich habe diese Bedenken auch sogleich geäußert, aber Akron hat mich in dieser Hinsicht sehr liebevoll beruhigt, und vollstes Vertrauen in mich gesteckt. Das alles führte in den letzten Jahren zu einer tiefen Freundschaft, die ich heute nicht mehr missen möchte.

AHA: Wie man hört, habt Ihr ja schon im Vorfeld einige Schwierigkeiten gehabt. Sollte das Buch nicht ursprünglich schon vor zwei Jahren erscheinen?
Voenix: Ganz recht, doch dann trat der Verlag plötzlich zurück, weil er wegen dem Inhalt des Werkes einen Imageverlust befürchtete. Das führte dazu, dass das Buch erst einmal vor Gericht landete, tja, und bis man sich einigte, verging eine Menge Zeit. In dieser dunklen Stunde, wo wir gegen die mannigfaltigsten Widerstände stritten, wurde dann auch die Idee zu dem Comic geboren.

AHA: Wie lief Eure Zusammenarbeit denn ab, zuerst mußtest Du Dich doch mal mit der Materie vertraut machen?
Voenix: Das fiel mir weniger schwer, wie ich befürchtet hatte, da mir der "Geist" schon damals sehr nahe war. Ich las das Buch also erst einmal durch, um mir ein Gesamtbild zu machen. Gleichzeitig hatte ich schon den Bleistift in der Hand und skizzierte verschiedene Dinge auf, die spontan in mir auftauchten. Später setzten wir uns dann in seinem Büro zusammen und feilten die Bilder schließlich aus. Wahrlich kein Zuckerschlecken, denn Akron ist ein noch fanatischerer Perfektionist wie ich es bin, der mich und meine bis dahin bekannten Denk- und Zeichenstrukturen, einige male bis zum Äußersten forderte. Und bis die Dramaturgie eines jeden Bildes stand, kostete uns das eine Menge "Gehirn- und Seelenschmalz"!

AHA: Aber die Arbeit scheint sich gelohnt zu haben, wenn man das Ergebnis betrachtet. Wie entstand denn nun die Idee für den Comic?
Voenix: Ich erinnere mich noch gut, wie ich das erste mal in sein Büro trat und ihm ein paar meiner mitgebrachten Bilder präsentierte. Dabei entsprang meinem jugendlichen Mundwerk der spontane und schicksalhafte Satz: "Wir beide sind wie Schlüssel und Schloß", was Akron natürlich erst einmal ein verhaltenes Lächeln abrang. Zu dieser Zeit arbeitete ich bereits an einem eigenen Comic, der von Pan und einer jungen Frau handelt, die gleichsam in die Unterwelt absteigt und dort ihren eigenen, verdrängten und ausgelagerten Trieben begegnet. Das Thema war in mir also bereits "verankert". Schon wie ich den "Dante" zum ersten mal las, liefen die Handlungsstränge wie ein Kinofilm vor mir ab und während unserer darauffolgenden, sehr intensiven Arbeitsphase, gelangten wir beide zu der Überzeugung, dass sich die Komplexität dieses Werkes durch eine gänzlich visuelle Umsetzung, sicherlich noch um eine weitere Dimension bereichern lassen würde. Vor allem für jüngere Leser, die zu solchen Themen einen leichteren Zugang finden könnten.

AHA: Die Comics erscheinen in Schwarz-Weiß, aus Kostengründen oder um dem Klischee des "dunklen Okkulten" gerecht zu werden?
Voenix: (Lacht!) Beides würd' ich sagen. Aber das kostengünstigere Produzieren stand auf jeden Fall im Vordergrund, da wir hier ja wahrlich kein Trendthema angehen. Da die Comics s/w gehalten sind, blieb mir bei der Erstellung ein wichtiger Aspekt meiner Kunst, die "Magie der Farbe" versagt. Lediglich die Titelbilder sind farbig, wobei ich deren Hauptmerk immer auf die Grundfarben der Elemente beziehe. Also Wasser-blau, Feuer-rot, Erde-braun/grün und Luft-gelb. So bin ich auch bei den Illustrationen für das Buch vorgegangen, die zunächst aber ebenfalls s/w erscheinen.

AHA: Wenn Du üblicherweise in Farbe arbeitest, bereitete Dir die Umstellung auf s/w da nicht einige Schwierigkeiten?
Voenix: Anfänglich schon, aber nachdem ich probehalber den "Traum des Magiers" umgesetzt hatte, war die Richtung klar. Etwas anderes ist die sogenannte "Melancholie alles Fertigen", wie es einst Nietzsche formulierte. Habe ich einen Comic endlich fertiggestellt und mache mich an den nächsten, könnte ich beim ersten schon wieder von vorne anfangen, da sich während des Malprozesses stets eine Vielzahl an neuen Ideen und Möglichkeiten ergeben haben, aber das läßt sich nun mal nicht vermeiden. Das ist einer der großen Nachteile beim Zeichnen. Ist das Bild fertig, läßt sich kaum noch etwas daran verbessern, während Du beim Schreiben noch ewig an deinen Sätzen herumfeilen kannst, bis sie den richtigen "Klang" erreicht haben. Wenn Du Dir den ersten von mittlerweile dreißig Asterix- Bänden anschaust, verstehst Du was ich meine. Sicherlich könnte immer alles perfekter sein, aber irgendwo mußt du ja mal anfangen und bei diesem Projekt zählt vor allem die verschachtelte Dramaturgie, die mit einer Vielzahl von Leitmotiven arbeitet, die zuweilen immer wieder auftauchen und hierdurch alle Handlungsfäden miteinander verbinden.

AHA: Wie gehst Du bei der Arbeit mit den Comics vor? Sind die von Euch zuvor ausgearbeiteten Bilder die Grundlage?
Voenix: Ganz recht, sozusagen der geistige Leitfaden, an dem ich mich vorwärtshangele. Dabei erweitert und verselbstständigt sich das Ganze natürlich ungemein. Vor allem, da mir Akron jegliche Freiheit bei der Umsetzung und Gestaltung läßt. So versuche ich bspw. dem “Reisenden" noch etwas mehr menschliche Züge zu verleihen, die im Buch, auf Grund der komplexen Dialoge und tiefen Erklärungen manchmal etwas zu kurz kommen. Wichtig ist vor allem der “Geist" und der trägt dieses große Werk, so wie er mich jetzt trägt. Aber der Preis ist hoch, denn ich gehe quasi Wort für Wort, Bild für Bild selbst durch alle diese Höllen.

AHA: Du trittst die Reise in die Unterwelt also praktisch selber an, wirkt sich das auch irgendwie auf die Persönlichkeit aus?
Voenix: Unbedingt, vor allem die ersten Jahre. Wenn Du so tief in die menschlichen Abgründe und Verhaltensmuster eintauchst, bleibt das nicht aus. Das kann schon mal dazu führen, dass sich dir die unendliche Vielfalt deiner eigenen Persönlichkeit wie ein Wandteppich entrollt. Der höchste Preis aber, den Du bezahlst, ist die Unschuld! Es fällt einem immer schwerer den Menschen und dir selbst vorbehaltlos zu begegnen, weil Du die Muster und Absichten dahinter schneller erkennst.

AHA: Einer der wesentlichsten Gründe, warum es die Menschen zur Magie zieht. Wissen ist nun mal Macht!
Voenix: Doch zeigt Dir dieses Wissen auch gnadenlos, wo deine Gier und die eigenen Ängste und Blockaden sitzen. Wie du damit umgehst, zeigt sich dann in deiner seelischen Reife.

AHA: Akron durchwandert diese Höllen selbst als eine Art geistiger Psychopompos, siehst Du Dich da irgendwie als der Reisende in dieser Geschichte?
Voenix: Nun, es ist schon bemerkenswert, auf welch wundersame Weise sich künstlerisches Wirken, Handeln und Denken mit dem "realen" Leben manches mal verwebt. In all dieser Zeit durfte ich wahrlich manch ungewöhnliche Erfahrungen machen, die mir einiges über mein eigenes Wesen offenbarten. Somit ist dieser Vergleich nicht mal der Schlechteste.

AHA: Zurück zum Comic. Was zeichnet diesen Philosophischen Comic denn nun besonders aus und hebt ihn von anderen Comics ab, die ja nicht selten ein recht fragwürdiges Image besitzen!?
Voenix: Da sprichst Du mir aus der Seele. Comics besitzen bei uns in der breiten Öffentlichkeit leider noch immer einen viel zu geringen Stellenwert, wobei doch auf diese Weise geistige Inhalte um einiges interessanter und tiefer werden können, da unser Unbewusstes nach wie vor stark über Bilder arbeitet. Für mich hat vor allem Priorität, dass der Dante-Comic eine Dichte erzielt, die Dich als Leser mit in die Geschichte einbindet. So verzichte ich bspw. meist auf jegliche, klassische Kästchenumrandung der einzelnen Bilder. Du wirst also gezwungen, dich Stück für Stück durch diese Höllen zu arbeiten und die tiefsinnigen Texte mitsamt ihren archetypischen Symbolen aufzunehmen, mit denen ich die Handlung versehe. Ein echtes Stück Arbeit und kein Comic, aus dem man viel mitnimmt, indem man ihn einfach nur durchblättert. Wer jetzt großangelegte, epische Szenarien erwartet, sieht sich allerdings etwas enttäuscht, da sich die Handlung im Inneren abspielt und somit meist nur die unmittelbare Umgebung des "Träumers" einfängt, dessen Begegnungen ja stets Anteile seiner selbst widerspiegeln. Auch morbide und klassische Monstergestalten, wie man sie aus Horrorfilmen kennt, kommen nur selten zum Einsatz, vielmehr tritt das Dämonische im menschlichen Verhalten zutage, also dort, wo es eigentlich zu suchen ist.

AHA: Wo siehst Du den hauptsächlichen Unterschied zur originalen Dante-Version?
Voenix: Wie bereits erwähnt, liegt der Hauptaugenmerk auf der Gesamtheit der Struktur und ihrer komplexen Verschachtelung. Du trittst in die Hölle ein, und vergisst vor lauter Bildern, dass du in einer Hölle gelandet bist. Das ist sicherlich der wesentlichste Unterschied zu Dante Alighieri. Dieser reiste mit seinem engelhaften Begleiter Virgil in die Unterwelt und besah sich diese zumeist mit all ihren Sündern. In Akrons "Dante" wird der Protagonist, der gleichzeitig das Erlebte in ein Buch verfasst, das während des Lesens durch den Leser ja erst entsteht, in jede Hölle mit eingebunden. Das heißt, er wird ein Teil von ihr und vergisst, dass er zu einem Teil von ihr geworden ist. Am Ende kommt dann sein Seelenführer, der ihm bei seiner Wanderung in die Tiefen der eigenen Psyche zur Seite steht, und begleitet ihn wieder nach draußen, etwa so, wie wenn im Kino das Licht angeht. Würde das Licht nicht angehen und unsere körperlichen Bedürfnisse sich nicht melden, blieben wahrscheinlich die meisten von uns für immer in den Bildern eines Films verschollen. Der zukünftige Cyberspace wird uns in dieser Hinsicht sicherlich noch einiges zu "bescheren" haben.

AHA: Der Mensch wird also zu einem Teil der Hölle, in der er sich verirrt!?
Voenix: Genau, denn die Hölle ist ja stets in ihm selbst. Wir alle bewegen uns im Leben nach irgendwelchen Mustern, die wir einst übernommen haben oder in die wir uns ständig neu verstricken. Das Muster wird dann zur "Hölle", wenn wir uns aus ihm nicht mehr befreien können oder nicht einmal mehr merken, dass wir nur in einem Muster sind, das uns zwingt, dementsprechend zu handeln oder zu denken. Das wird vor allem im vierten Band, der Zwillinge-Hölle deutlich, wo man dem absoluten Wahnsinn der eigenen Gedanken begegnet, aus denen es kein Entrinnen mehr gibt. Dem Verkopften hingegen erscheint die Fische-Vorhölle mit all ihren dunklen Sehnsüchten und Träumen wohl eher harmlos, da er gewohnt ist, seinen Gefühlen mit rationaler Kühle und Analyse zu begegnen.

AHA: Damit besitzt quasi jeder Band über sein Sternzeichen eine eigene “Schwingung"!?
Voenix: Richtig! Wer sich auf die jeweilige Hölle einlässt, wird schon bald merken, dass jeder Band seinen eigenen “Charme" besitzt. Hier begegnet man schonungslos den dunkelsten Seiten des entsprechenden Sternzeichens, also genau dem Gegensatz der üblichen “Friede-Freude-Eierkuchen-Astrologie", die einen stets nur mit phrasenhaften Annehmlichkeiten überschüttet.

AHA: Okay, die Höllen sind also nach Sternzeichen unterteilt. Wieso beginnt ihr dann ausgerechnet mit dem Fisch?
Voenix: Die Fische sind nur die Vor-Hölle, das “transzendente" zwölfte Haus im Radix und damit das Tor in die Ewigkeit, wie der Titel ja schon andeutet. Am Schluss des Fische-Bandes begegnet der Wanderer in der Saturn-Hölle dem Hüter der Schwelle und die wirkliche Reise hinter die Dinge des Sichtbaren beginnt.

AHA: Ist die Story ohne astrologische Vorkenntnisse überhaupt zu verstehen? Was für einen Stellenwert nimmt die Lehre von den Sternen ein?
Voenix: Ich würde die Astrologie hierbei lediglich als ein “Gerüst der energetischen Ausrichtung" bezeichnen. Das heißt, ihre archetypische Symbolik kommt ständig zum Tragen, wird aber nur selten direkt erwähnt, womit auch der totale Laie unbewusst eine Menge an Wissen mitnimmt, was ihm vordergründig gar nicht auffällt, weil dieses Wissen zeitlos und universeller Natur ist. Für den “Eingeweihten" wird die jeweilige Konstellation unter der Überschrift der verschiedenen Hölle klein erwähnt, ebenso findet man sie versteckt in der Sprache und in bildhaften Details wieder. Wer dazu mehr wissen möchte, braucht nur im Buch nachzuschlagen.

AHA : Es werden acht Comics. Wo bleiben die restlichen vier?
Voenix : Die kommen in einigen Jahren in dem Folgeband “Paradiso". Doch bis dahin wird mit Sicherheit noch viel Wasser ins Meer hinabfließen!

AHA: Vielen Dank für dieses ausführliche Interview, mit dem Du uns und unseren Lesern einen Einblick in Euer Schaffen gewährt hast!